Gipfelsieg
Ja, das Leben kann viel gefährlicher sein als die Besteigung der Eiger-Nordwand. Dass es sich trotzdem auszahlt, ganzes Risiko zu gehen, zeigt Max Scharnigg in seinem Debüt-Roman.
„Die Zeit verging unter der Treppe wie anderswo auch.“ Journalist Nikol Nanz hat vor seiner Wohnungstür ein fremdes Paar Herrenschuhe entdeckt, obwohl er und seine Freundin keinerlei Beziehungen pflegen als die ihrige. Die dafür aber mit unendlicher Hingabe: „Jedes Mal, wenn ich den Kopf in M.s Richtung wandte, streifte mich etwas mit großer Helligkeit. Etwas vom Licht eines Leuchtturms“, lässt uns der Ich-Erzähler wissen. Oder an anderer Stelle: „Es gehörte von Anfang an zu meinem steten Bemühen, ihr glaubhaft zu machen, dass alles, was in der Welt ohne sie war, weniger Glanz hatte.“ Nanz’ Irritation erscheint verständlich, seine Reaktion schon weniger: Er versteckt sich unter der Treppe des Wohnhauses. Und beschließt, dort an seinem Text über die Erstbesteigung der Eiger-Nordwand zu arbeiten.
Abschied vom Stoffwechsel
Unter der Treppe schiebt Nanz vor seinem geistigen Auge die Text-Bausteine hin und her, so, als säße er vor einem Bildschirm – bis zu dem Moment, an dem die späteren Eiger-Bezwinger Anderl Heckmair und Ludwig Vörg vor „der Wand“ stehen: „Bis hierher gelangte ich, mit Mühe zwar, aber noch nahezu gleichauf mit der Seilschaft, an den Berg. Doch nun verstieg ich mich. Meine Sätze, die ich an den verschiedensten Stellen ausprobierte, passten nicht mehr…“ Zu diesem Zeitpunkt hat Nanz Wochen unter der Treppe verbracht, er isst nicht, er trinkt nicht, er muss nicht aufs Klo – es scheint, als würde er nicht existieren.
Rückkehr ins Leben
Erst ein alter Mann, der frühere Gletscherfotograf Schmuskatz, entdeckt Nanz und holt ihn zurück ins Leben. Ihm öffnet sich der Journalist, und plötzlich erhält auch der Text über die Erstbesteigung eine neue, ungeheure Spannung. Und dann beschließen die beiden Männer eine Besteigung des Treppenhauses zu wagen – und wer weiß, dass Heckmair den Eiger schaffte, ahnt, was folgt … Journalist Max Scharnigg, Jahrgang 1980, schreibt für verschiedene deutsche Magazine. Für seinen Text „Die Besteigung …“ wurde er beim Bachmann-Wettlesen gescholten. Aber das kann uns nicht erschüttern. Wir zählen uns zu Scharniggs Seilschaft.
Max Scharnigg: Die Besesteigung der Eiger-Nordwand unter der Treppe. Euro 18,50 Euro; www.hoffmann-und-campe.de
NORDWAND. MORDWAND. Die Eiger-Nordwand ist 1.650 Meter hoch. Wegen der massiven Gefährdung durch Steinschlag oder Lawinen galt sie lange Zeit als extrem gefährlich. Nach mehreren tödlichen Unfällen erhielt sie den Beinamen „Mordwand“. Insgesamt starben 51 Menschen beim Versuch, die Nordwand zu bezwingen, 14 weitere kamen beim Abstieg ums Leben (die meisten davon an der Westflanke). I m Juli 1938 gelang der Vierer-Seilschaft von Anderl Heckmair, Heinrich Harrer, Ludwig Vörg und Fritz Kasparek die Erstbesteigung der Eiger-Nordwand. Sie brauchten dafür drei Tage. Heute liegt der Rekord bei 2 Stunden 48 Minuten – er wird von Ueli Steck gehalten und stammt aus dem Jahr 2008 (1983 schaffte es Thomas Bubendorfer übrigens in 4 Stunden 50 Minuten). Aus dem Jahr 2008 stammt auch der bisher jüngste Film, in dem der Eiger ein zentrale Rolle spielt, und zwar „Nordwand“ von Philipp Stölzl; gedreht haben hier auch Luis Trenker (1962) und Clint Eastwood (1975).

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