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Die Rolle der Roller

Scooter und ihre weltpolitische Bedeutung: Dem einen ist er Lifestyle-Tool, dem anderen lebensnotwendiges Fortbewegungsmittel. So hat der gemeine Scooter überall auf der Welt eine andere Rolle zu spielen.

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“Man sieht sich immer zweimal“, das behauptet eine Redewendung, deren Sinn ich nie ganz verstanden habe, aber hier passt sie. Für viele war der Roller der erste Schritt in die weite Welt des Individualverkehrs. Große Freiheit erst, aber halt doch nur fünfzig Kubikzentimeter und kein Dach überm Kopf. Fazit: Sobald man sich’s leisten konnte, saß man im Bürgerkäfig. Bis einen schließlich, Jahrzehnte später und meist im Urlaub, doch wieder der Hafer sticht. Man die frische Luft im Gesicht spüren und sich fern dem heimischen Parkometergesetz keine Sorgen über Parkplätze machen will.

Zum Beispiel irgendwo an einem Strand in Südostasien. Diese Weltgegend würde ja ohne Roller überhaupt nicht funktionieren. Millionen von Menschen benutzen täglich oft archaisch anmutende Zweiräder, allesamt genetisch mit der guten alten Honda Cub verwandt, von der seit 1958 60 Millionen Exemplare in 16 Ländern vom Montageband gerollt sind. Das Gefährt mit dem Pressstahlrahmen und minimalen Spritzwasserschutz wurde von so ziemlich jedem asiatischen Hersteller kopiert, dementsprechend allgegenwärtig sind die Dinger überall dort, wo die finanziellen Mittel knapp sind. Und der Platz auf der Straße. Oder möchten Sie wirklich wissen, wie viel länger Sie im Taxi vom Flughafen Suvarnabhumi ins Zentrum von Bangkok sitzen würden, wenn die Tausendscharen von Zustellern, Boten und Angestellten nicht auf den praktischen Flitzern das Straßenbild auflockern, sondern so wie wir Mitteleuropäer einsam im Pkw sitzend jeder acht Quadratmeter wertvollen öffentlichen Raumes verschwenden würden?

Wobei das U in Cub ja durchaus nicht einschränkend verstanden werden muss. Auch weit außerhalb der ohnehin nicht kleinen Metropolen Asiens sind Roller die erste Wahl, um sein Ziel zu erreichen. Die Sense geschultert aufs Feld, zwei Kinder zwischen den Beinen und noch zwei hintendrauf in die Schule oder mit einem runden Dutzend Milchkannen in die Molkerei – alles keine Hexerei. Auch in der Freizeit ist das Zweirad unentbehrlich: Erst wird das Schatzi zum Rendezvous abgeholt, bald steht der Sonntagsausflug mit der vielköpfigen Familie auf dem Programm oder gleich eine zünnftige Urlaubsreise. In Thailand bin ich auf ein Magazin gestoßen, das sich ausschließlich dem Reisen mit dem Roller widmet, inklusive Tipps, wie man seine Campingausrüstung am vorteilhaftesten verstaut. Und letzten Herbst traf ich tatsächlich zwei junge Herren, die auf ihren kaum modifizierten Honda Dreams den höchsten befahrbaren Pass der Welt, den Khardung La in Ladakh, bezwungen haben – fotodokumentiert!

Ladakh ist, falls Ihnen das jetzt nicht gleich eingefallen ist, eine Region des indischen Bundesstaates Jammu und Kashmir, womit wir schon in einem weiteren wichtigen natürlichen Verbreitungsgebiet des Motorrollers wären. Die Inder, historisch begründet mit der europäischen industriellen Revolution verbunden, sind 1961 in Genua vorstellig geworden, um Lizenz und Produktionsanlagen für die bewährte Vespa zu erwerben. Und haben, völlig unbeeindruckt von langwierigen Rechtsstreitigkeiten mit den Italienern, Millionen von Indern motorisiert. War der eigene Motorroller dort einst noch ein untrügliches Zeichen dafür, zur oberen Mittelklasse zu zählen, hat er in der sich unerhört dynamisch entwickelnden indischen Gesellschaft mittlerweile viel von seinem Wert als Statussymbol eingebüßt. Dafür hat man rechtzeitig damit begonnen, die „originalere“ Vespa in den Westen zu exportieren, und zwar so erfolgreich, dass sich der Piaggio-Konzern bemüßigt sah, seinerseits die Urvespa wieder zu produzieren, um am aktuellen Retrokuchen mitnaschen zu können.

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Alles zum Thema Scooter finden sie hier in unserem Scooter Special.
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Thursday, 17.05.2012, 09:33 Uhr

Autorenprofil Homolka

Homolka
Homolka ist Fotograf und heißt Martin Swoboda. Klingt komisch, ist aber so. Er lebt in Athen und Wien, einst hat er den Ortswechsel mit Motorrädern vollzogen, angetrieben von Zweizylindern aus Bologna. Nach der Entdeckung des Jets nutzt er Zweiräder nun hauptsächlich innerstädtisch, bevorzugt in Form von Rollern. An seinen Erfahrungen lässt er uns netterweise teilhaben.

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