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Mario Vargas Llosa wird 75

Blitz-Bildung: Der WIENER liest für Sie Klassiker der Weltliteratur. Diesmal zum 75er von Mario Vargas Llosa einen seiner spannendsten Romane.

„In diesem Augenblick kam Trujillo der Gedanke, daß es vielleicht kein Betrunkener war, und er drehte sich um auf der Suche nach dem Revolver, der neben ihm auf dem Sitz lag, aber es gelang ihm nicht, ihn zu fassen, denn im gleichen Augenblick hörte er das Krachen eines Gewehrs, dessen Geschoß das Glas des hinteren Fensters durchschlug und ihm ein Stück aus der Schulter und aus dem linken Arm riß.“

Als Mario Vargas Llosa letzten Oktober als Literaturnobelpreisträger angekündigt wurde, waren in den Medien zwei Dinge anders als gewöhnlich: Alle waren sich einig, dass die Entscheidung geglückt war. Und: Es fehlte die Hervorhebung eines wichtigsten Werkes, dem der Preis vorwiegend gebührt. Jetzt, anlässlich des 75. Geburtstages des Peruaners am 28. März will der WIENER das nachholen: „Das Fest des Ziegenbocks“ erschien 2000, ist politisch brisant, historisch aufschlussreich und stellt dabei als Thriller jeden Forsythe oder Le Carré in den Schatten.

Erzählt wird – so detailgenau wie möglich – eine historische Begebenheit: „Ziegenbock“ ist der Spitzname von Rafael Trujillo, Diktator der Dominikanischen Republik 1930 bis 1961. Der Roman behandelt die letzten Monaten seiner Herrschaft, die sich selbst nach einem erfolgreichen Attentat auf ihn aus gewohnter Treue und Angst seines Clans noch ein halbes Jahr hinzog. Trujillo schottete sein Land in Fidel-Castro-Manier ab, bleichte seine Haut, um nicht für einen Angehörigen des verachteten Nachbarvolks von Haiti gehalten zu werden, und ließ sich als „Wohltäter“ und „Generalissimo“ abfeiern.

Alle Perspektiven kommen zu Wort: die der Attentäter, die des großen Chefs, die der getreuen, der nicht so treuen und der willkürlich in Ungnade gefallenen Männer seines Staatsapparats – und die Sicht einer Frau, der vielleicht einzigen fiktiven Hauptfigur: Urania Cabral, Tochter eines Senators unter Trujillo, ist mit vierzehn in die USA ausgewandert – der  schaurige Grund dafür erschließt sich dem Leser erst allmählich –, kehrt Jahrzehnte später zurück und erzählt ihren Verwandten von einem ganz besonderen „Fest des Ziegenbocks“, an dem sie einst teilnahm. Wir lesen all das in ganz und gar nicht chronologischer Abfolge, wodurch das Puzzle eines auf Willkür und Personenkult aufbauenden politischen Systems sich umso glasklarer zusammensetzt und wir uns einbilden, fortan jede Diktatur durchschauen zu können. Eine unschätzbare Lektüre in Zeiten, da es Herren wie Mubarak und Gaddafi an den Kragen geht.

2005 wurde „Das Fest des Ziegenbocks“ mit Isabella Rossellini in der Rolle der Urania verfilmt.

Huren, Rum und böse Geister

Schmankerln aus dem Lebenswerk des Nobelpreisträgers:

„Das grüne Haus“ (1965)
Vargas Llosa schaffte mit diesem großen Lateinamerika-Roman seinen Durchbruch, für viele ist er sein bestes Werk. Das grüne Haus ist ein Bordell in der Stadt Piura. Hier treffen fünf Handlungsstränge aufeinander, wobei die Zeitebenen vereinzelt von Zeile zu Zeile unkommentiert wechseln. Ruhmreiche Erzählkunst in einem Rum-reichen Rausch.

„Tante Julia und der Kunstschreiber“ (1977)
Der vielleicht meistgelesene Roman des Peruaners, denn er fällt in eine Phase, in der er sich einem zugänglicheren, luftigeren Schreibstil zuwandte. Eine geschiedene Bolivianerin sucht in Lima, Peru, einen Ehemann. Wer sich stattdessen in sie verliebt, ist ihr 18-jähriger Neffe. Bekannt ist auch die Verfilmung „Julia und ihre Liebhaber“ aus dem Jahr 1990 mit Keanu Reeves und Peter Falk.

„Tod in den Anden“ (1983)
Nach seiner eher sentimentalen Phase schrieb Vargas Llosa einige düstere Kriminalromane, die dennoch nichts an lateinamerikanischem Feuer vermissen lassen. In „Tod in den Anden“ untersucht Polizeikorporal Lituma, der übrigens schon im „grünen Haus“ eine wichtige Rolle spielt, in einer tristen Andenkleinstadt, das mysteriöse Verschwinden dreier Männer. Die Bewohner sind dabei allerdings nicht sehr hilfreich: Sie erklären alles durch alte Mythen und böse Geister.

„Der Traum des Kelten“ (2010)
Für sein erstes Post-Nobelpreis-Werk  hat Vargas Llosa in Zentralafrika recherchiert. Auch hier bildet eine reale Person die Basis: der irische Nationalist und Diplomat Roger Casement, der hingerichtet wurde, weil man ihm vorwarf, den irischen Osteraufstand 1916 mitorganisiert zu haben. Wie im „Ziegenbock“ greift der Verfasser auf eine große Erkenntnis zurück: „Jene Leute, die sich für die Wahrheit oder die Gerechtigkeit aufopfern, schaden in der Regel mehr, als sie nützen.“ Ob ihm wieder ein großer Wurf geglückt ist, können bislang allerdings nur Spanischkundige beurteilen: „Der Traum des Kelten“ ist noch nicht übersetzt

Über die Tücken der Staatsgewalt

„Das Fest des Ziegenbocks“ beleuchtet (eine) wahre Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln. Merkwürdige Zitate:

„Wie angenehm war es doch, der Wut freien Lauf zu lassen, wenn keine Gefahr für den Staat darin lag, wenn man den Ratten, Kröten, Hyänen und Schlangen geben konnte, was sie verdienten. Die Bäuche der Haie waren Zeugen dafür, daß er sich dieses Vergnügen nicht versagt hatte.“ (Der Chef zu sich, S. 31.)

„Die Tasse Kaffee oder das Glas Rum mußten besser schmecken, der Rauch des Tabaks, das Bad im Meer an einem heißen Tag, der Film am Samstag oder die Merengue-Musik aus dem Radio mußten sich angenehmer auf Körper und Seele auswirken, wenn man über das verfügte, was Trujillo den Dominikanern vor nunmehr einunddreißig Jahren genommen hatte: den freien Willen.“ (Was die Attentäter antreibt, S. 197.)

„Ich weiß nicht, wer die Schallplatten wechselte. Als der letzte Merengue zu Ende war, küßte er mich auf den Hals. Ein sanfter Kuß, der mir Gänsehaut machte.“ (Urania Cabral spricht erstmals über ihr Fest mit dem Ziegenbock, S. 523.)

Mario Vargas Llosa, „Das Fest des Ziegenbocks“, Deutsch von Elke Wehr, Suhrkamp, 12,90 Euro, EAN 978-3-518-39927-9
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Thursday, 17.05.2012, 09:07 Uhr

Autorenprofil Martin Thomas Pesl

Martin Thomas Pesl
Martin Thomas Pesl, geboren 1983 in Wien, arbeitet von ebenda aus als Sprecher, Übersetzer für Deutsch, Englisch und Ungarisch, sowie seit 2008 als Autor für den WIENER.

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