WIENER
Bühne

Der Kunstpudel mit der Kunstnudel

Die Quelle aus Wut und Verachtung schien niemals zu versiegen – fast dreißig Jahre lang sezierte Thomas Bernhard schonungslos die österreichische Gesellschaft und machte sich damit kaum Freunde. Der sensible Neurotiker galt als unnahbar, launig und listig. Nur die Wenigsten kannten seine andere Seite: der unbezähmbare Zyniker konnte nicht nur hart austeilen sondern hatte auch Humor. Bernhard – ein Grenzgänger zwischen Gaga und Dada.

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(c) Sepp Dreissinger / westLicht

Der Tod, äußerte Thomas Bernhard lächelnd in einem Interview, säße wie ein Vogerl ständig auf seiner Schulter. Vielleicht war es die frühe Erfahrung mit der Begrenztheit des Lebens, die den Schriftsteller zu dem machte, was er zeitlebens verkörperte: Ein geniales, sensibles Ekel, das keine Schranken kannte und austeilte, ohne einstecken zu wollen. Als Adoleszenter erkrankt er an Lungentuberkulose, aufgegeben von den Göttern in Weiß. Doch Wunder, er überlebt. Die Bekanntschaft mit der Endlichkeit hat ihn geprägt, jedoch nicht gebrochen. „Ich bin eine lustige Person, da kann man leider nichts ändern, so tragisch alles andere ist“, meinte der Ausnahmekünstler. Nur die Wenigsten kannten seine humorvolle Seite, viel vertrauter ist bis heute der Spötter und Nestbeschmutzer. Einmalige, bisher unveröffentlichte Tondokumente belegen jetzt: Im Kreise seiner engsten Vertrauten konnte der Künstler sich gehen lassen. Zuweilen lebte er getreu dem Motto von Dadaismus- Guru Kurt Schwitters: „Wir tanzen, bis der Tod uns abholt.“

Wein, Schnaps und Wortwitz – Bernhard als Blödelbarde

„Ich habe keinen Menschen gekannt, der so witzig und charmant sein konnte wie er “, erinnert sich der langjährige Weggefährte Karl- Ignaz Hennetmair. Der 91-jährige Oberösterreicher, der dem Literaten zu seinem ersten Haus, dem Vierkanthof in Obernathal, verhalf, erlebte den öffentlichkeitsscheuen Provokateur hautnah. Elf Jahre lang. Er sammelte nicht nur hunderte Briefe des umstrittenen Künstlers, sondern trieb seine Bernhard-Leidenschaft so weit, dass er sich 1974 ein Tonbandgerät kaufte und den Schriftsteller – selbstverständlich mit dessen Einverständnis – aufnahm. Eine Sensation. Acht Stunden Audiomaterial, banaler Alltag, der tiefe Einblicke gewährt – eine Schatz nicht nur für Bernhard-Forscher: Der Literat zu Besuch bei Hennetmair, dessen Frau und der Oma. Bernhard lacht, singt und scherzt – die Aura des zynischen Künstlers hat er abgestreift wie einen zu schweren Mantel. Je später der Abend, desto ausgelassener der Gast. Die Aufzeichnungen muten an wie ein Mundl-Spezial für Intellektuelle.

Ich bin die Rose vom Wörthersee

Der Schriftsteller privat – eine Komödie in fünf Akten, deren Handlung sich darauf beschränkt, die Zeit bis zur Fernsehübetragung eines Bernhard- Stücks in der Küche von Hennetmair zu überbrücken.

Erster Aufzug

Bernhard (er studierte in jungen Jahren Musik in Salzburg und Wien) beginnt zu singen. „I blos auf meiner Klarinett, ich blos sogar auf ‘d Nacht im Bett.“
Es folgt: „Ich bin die Rose, die Rose vom Wörthersee.“
Hennetmair zu Bernhard: „I trink jetzt an Schnaps. Was mach ich?“
Bernhard: „Beten. Gute Nacht.“
Bernhard, mit leichtem Zungenschlag, philosophiert: „Augsburger, ich wäre so gerne ein Augsburger. Morgen ess ich eine Augsburger, weil mir die Speckwurst so schmeckt. Ich bin ja ein Augsburger. Ich wär gern a Ausgburger, vielleicht bin ich morgen ein Augsburger. Ausgburg kennt ein jeder, Ausgsburg kennen sie überall. Augsburg ist die Schwesternstadt von Salzburg. Salzburg hat aber keine Fugger (Anm.: bedeutende historische Familie). Die Fuggi, die Guggi, die Kunst der Fugger, von Johann Sebastian Bach.“

Zweiter Aufzug

Bernhard verstellt seine Stimme, spricht wie ein Norddeutscher: „Jetzt die Kunstpudelnummer.“ Schreit: „Die Nummer mit dem Kunstpudel hat er mir nicht erlaubt!“
Oma: „Im Fernsehen haben’s das erste Hundebegräbnis zeigt.“
Bernhard: „Rutscht’s mir den Pudel runter.“
Bernhard, lacht, lallt: „Der hat einen Sarg kriegt, mit vier Griffen zum Tragen. Den müssten die Schulkameraden tragen, vier Hunderln. War der Bericht in Zeit im Bild?“
Oma: „Na.“
Bernhard: „Wor des net des amerikanische, wos den Hund derschossen haben?“

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AUSSTELLUNG: „Thomas Bernhard. Das führt alles zu nix“. Insgesamt 120 Aufnahmen von Sepp Dreissinger, die zwischen 1977 und 1988 entstanden, sowie 12 Poträts von Johann Barth werden in der Galerie WestLicht vom 4.2. bis 8.5.2011 in Wien gezeigt. www.westlicht.com
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