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Blitzbildung: Joyce’ Ulysses

Der WIENER liest für Sie Klassiker der Weltliteratur. Diesmal: Ein Tag, tausend Seiten, viele Fragen – einer der berüchtigsten Romane der Welt.

James Joyce, dargestellt durch Ulysses-Zitate (CC-BY maxf)

„Das wären dann zwo Pfund zehn, ungefähr zwo Pfund acht. Drei schuldet mir Hynes. Zwo-elf. Prescotts Annonce. Zwofuffzehn. Rund fünf Guineen. Die reinste Glückssträhne. Könnte einen von diesen seidenen Unterröcken kaufen für Molly, Farbe wie ihre neuen Strumpfbänder. Heute. Heute. Nicht denken.“

Heute nicht denken? Vorsatz deutlich verfehlt! Berge, ja Ströme von Gedanken sind der Hauptbestandteil von „Ulysses“, James Joyce’ knapp tausendseitigem Roman, den sich der Ire zwischen 1918 und 1921 von seiner leidenschaftlichen, etwas kindlichen Literatenseele schrieb.

Joyce starb vor genau 70 Jahren. In 18 Episoden, die sehr, sehr lose an Begebenheiten, Figuren oder Strukturen aus Homers „Odyssee“ angelehnt sind, schildert er im Leben von Leopold Bloom (Anzeigenverkäufer), Stephen Deadalus (Hilfslehrer) und Molly Bloom (Opernsängerin sowie Gattin von ersterem) haargenau einen Tag, den 16. Juni 1904. „Ulysses“ hat diesen Tag berühmt gemacht, er wird jedes Jahr von Joyce-Forschern (und vielen anderen) feuchtfröhlich begangen.

Vorwurf der Obszönität

Körperliches spielt, wie in jedem Alltag, eine große Rolle in diesem Buch. Ernährung, Sex und Ausscheidung sind allgegenwärtig, wenn auch subtil eingeflochten. Dem Vorwurf der Obszönität entging Joyce dennoch nicht, zu dessen Entkräftung er ein eigenes System zur Interpretation und Strukturierung des anarchischen Textes vorlegte: das so genannte Gilbert-Schema.

Die Literaturwissenschaft zu narren, war durchaus im Sinne des Meisters: Stil, Perspektive und Sprache wechseln von Kapitel zu Kapitel. Eine Episode etwa ist in Zeitungsartikeln erzählt, eine andere als (kaum aufführbares) Theaterstück. Die vorletzte Episode hangelt sich als quälendes Frage-Antwort- Spiel voran, schließlich geht Molly Bloom über etwa 80 Seiten hinweg im Bett ihren Gedanken nach, interpunktionslos natürlich, denn wer denkt schon in Satzzeichen? Ein viel zitiertes (selten gelesenes) Paradebeispiel für die englische Erfindung des „stream of consciousness“.

Das alles macht „Ulysses“ zu einem außergewöhnlichen Lesevergnügen, im englischen Original, aber auch in der engagierten deutschen Übersetzung von Hans Wollschläger: Logische Handlungsbögen kann man ohne Interpretationshilfe ganz schnell vergessen. Stattdessen lohnt es, sich einfach in den „stream“ hineinzuwerfen und zu schwimmen, um dann immer wieder unerwartet und den Kopf schüttelnd aufzulachen. Es gibt nicht nur viel zu tun, auch viel zu denken, wenn der Tag lang ist. Und dieser Tag ist lang.

Zitate: Bloomige Ergüsse aus James Joyce’ Spielkiste

„Mr. Leopold Bloom aß mit Vorliebe die inneren Organe von Vieh und Geflügel. Er liebte dicke Gänsekleinsuppen, leckere Muskelmägen, gespicktes Bratherz, panierte kroß geröstete Leberschnitten, gerösteten Dorschrogen. Am allerliebsten hatte er gegrillte Hammelnieren, die seinem Gaumen einen feinen Beigeschmack schwachduftigen Urins vermittelten.“ (S. 73).

„Schauder jetzt. Fühlen Mitleid. Müssen sich eine Träne abwischen, weil Märtyrer. Denn alles, was verreckt, will, ums Verrecken, verrecken.“ (S. 386).

„Dr. Dixon (liest ein Gesundheitsattest vor): Professor Bloom ist ein vollendetes Exemplar des neuen weiblichen Mannes. (…) Er ist praktisch vollkommen abstinent, und ich kann versichern, dass er auf einer Strohmatte schläft und sich höchst spartanisch nur von kalten getrockneten Kolonialerbsen ernährt. Er trägt winters wie sommers nur ein härenes Hemd und geißelt sich jeden Sonnabend.“ (S. 642).

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Thursday, 17.05.2012, 08:44 Uhr

Autorenprofil Martin Thomas Pesl

Martin Thomas Pesl
Martin Thomas Pesl, geboren 1983 in Wien, arbeitet von ebenda aus als Sprecher, Übersetzer für Deutsch, Englisch und Ungarisch, sowie seit 2008 als Autor für den WIENER.

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