WIENER
Film

Genial und gefährlich

Ein ungewöhnlicher Mann in einem ungewöhnlichen Film: Moritz Bleitreu spielt einen Juden in Nazi-Uniform. Im WIENER philosophiert er über Werkzeuge der Verführung und die Qualität von Kinderbüchern. Und er erfährt, dass sein Großvater selbst für die Nazis arbeitete.

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Bis auf Urlaube in der Jugend hat der Sohn zweier österreichischer Schauspieler nichts mit der Alpenrepublik zu tun, wie er im Interview mit dem WIENBR verrät. Als wir den smarten 39-Jährigen zum Gespräch baten, zeigte sich Moritz Bleibtreu von seiner lockeren Seite und gab sich überrascht. Überrascht, als der WIENER ihn nach der Nazi-Vergangenheit seines Großvaters fragte. Dessen Lebensgeschichte erinnert nämlich einigermaßen an die Geschichte seines neuen Films „Mein bester Feind“.

Sie sind Sohn zweier Österreicher. Hatten Sie je die österreichische Staatsbürgerschaft?

Nein, nie. Ich verspüre eine Wärme und ein sentimentales Gefühl, wenn ich in Österreich bin. Das liegt auch daran, dass ich in meiner Jugend oft hier war, um meine Oma in Wien zu besuchen. Ich fühle mich schon auf eine eigenartige Weise hier ein bisschen zu Hause.

Aber einen wienerischen Dialekt haben Sie nicht drauf?

In Deutschland würde ich damit durchkommen! Ich bin nämlich recht gut im Imitieren von Dialekten, aber hier in Wien würde ich es nie probieren. Ich spreche ja eher Norddeutsch und hab schon darauf geachtet, dass die Figur in „Mein bester Feind“ nicht zu Bundesdeutsch klingt. Ich hab in den letzten Jahren viel Zeit in Österreich verbracht: zuerst für die Dreharbeiten von „Jud Süß“ und dann für die Dreharbeiten zu „Mein bester Feind“. Das färbt natürlich ab. Hoffentlich ist es ein akzentfreies, dialektfreies Deutsch geworden. Und wenn ich hier in ein Taxi steig, dann sag ich nicht Tach, sondern Grüß Gott oder Servus. Damit bin ich dann besser unterwegs.

„Mein bester Feind“ ist eine Verwechslungskomödie mit Galgenhumor. Dürfen sich Österreicher und Deutsche über die Nazi-Zeit lustig machen?

Ich finde den Begriff ‚lustig machen‘ so doof. Das klingt, als würde man etwas herabwürdigen und als würde man Späße zu Lasten anderer machen. Es geht um eine offene, unbefangene Erzählweise, da gehört alles dazu, auch ein humoriger Ansatz. Zugleich ist es ein sehr schwieriger Ansatz. Diese Zeitspanne wird nie aus den Herzen und Köpfen der Menschen verschwinden. Das betrifft direkt den Umgang der Deutschen mit ihrer kulturellen und nationalen Identität. Das Thema ist der wichtigste Aspekt unserer Zeitgeschichte, egal, wie man es beleuchtet. Nicht zuletzt, weil es bald keine Zeitzeugen mehr geben wird.

Auf der Berlinale gab es Aufregung über Georg Friedrichs Sager über die feschen Nazi-Uniformen.

Wenn man im deutschsprachigen Raum über diese Zeit spricht, muss man irre vorsichtig sein, wie man spricht. Es ist schade, dass man von der Intention absieht, was derjenige sagt. Ich verstehe voll und ganz, was Georg gemeint hat und kann das nur zu hundert Prozent unterstreichen. Es ist wichtig zu verstehen, wie Faschismus und Verführung funktioniert. Die Art, wie Nationalsozialisten diesen Style mit Symbolen einer Swastika und der Sig-Rune kombinierten, hat damals unglaublich cool und neu gewirkt. Es war damals schwer, sich von diesem Style frei zu machen und die Gefahr zu sehen. Das gilt für die Uniformen genauso wie für die Autos. Die Corporate Identity der Nazis war gefährlich und genial zugleich. Wenn man das nicht erkennt, dann wird man auch die neue faschistoide Form auf der Welt nicht erkennen. Man muss wahnsinnig vorsichtig sein, wenn ein Mensch Präsident wird, von dem man kaum etwas weiß und der zur selben Zeit den Friedensnobelpreis bekommt, obwohl kein Mensch weiß, wieso. Ich unterstelle nichts Böses, aber man muss immer vorsichtig sein, wenn ein übertriebener Personenkult und eine Zentralisierung von Macht aufeinander treffen.

In den letzten Jahren boomt der österreichische Film. Beobachtet ein erfolgreicher Schauspieler wie Sie die österreichische Szene derzeit ein wenig genauer?

Das ist eine extrem tiefgestapelte Frage! Einige der größten Filmemacher der Welt kamen aus Österreich. Das Land hat einzigartige Schauspieler wie Oskar Werner hervorgebracht, hat eine ganz eigene Theater-Tradition. Ich habe den Eindruck, dass Österreich sich immer ein bisschen für sich selbst entschuldigt. Es ist großartig zu sehen, was für tolles Zeug aus diesem kleinen Land kommt. Ich sehe die Grenzen auch nicht so krass. Ob ich in Schwaben den Dialekt nicht verstehe oder in der Steiermark nicht, ist doch egal, wir sprechen alle Deutsch. Das schließt die Schweiz mit ein. Gerade in der Filmbranche müssen wir alle zusammenhalten.

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MORITZ BLEIBTREU. Geboren am 13. August 1971 in München. Als Sohn der Schauspieler Monica Bleibtreu und Hans Brenner (beide bereits verstorben) bezeichnet Bleibtreu seine Berufswahl als Schicksal. Einen richtigen Kick bekam seine Schauspielkarriere 1998 mit „Lola rennt“. Bleibtreu lebt mit seiner Lebensgefährtin und seinem zweijährigen Sohn in Hamburg.
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Thursday, 17.05.2012, 08:44 Uhr

Autorenprofil Anita Kattinger

Anita Kattinger
Die 28-jährige Publizistik-Absolventin begann ihre journalistische Laufbahn bei der Zeitschrift der Gewerkschaftsjugend und war mehrere Jahre als Innenpolitik-Redakteurin bei der Tageszeitung ÖSTERREICH tätig.

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