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„Quoten? Dann kann ich gleich Porno zeigen“

Rede & Antwort: Radio-Urgestein Ernst Grissemann im WIENER Interview über den Giganten Ö3.

Geht das Markenimage von Ö3 auf Ihre Kappe?

Natürlich geht das auf die Anfangszeit zurück. Das Ziel war ein permanent abrufbares Musik-Radio. So etwas gab es damals nicht! Für junge Leute gab es einmal in der Woche die Polydor-Hitparade und einmal in der Woche die Evamaria Kaiser. Mit Ö3 bekamen die Leute Popmusik und jede Stunde verlässliche Information, denn regelmäßige Nachrichten gab es bis dahin auch nicht.

Woran liegt heute der Erfolg?

Der heutige Erfolg liegt in der Konsequenz. Ein aufmerksamer Zuhörer hört, dass in das Programm investiert wird. Wecker, Satire – die mir übrigens auf Ö3 außerordentlich gefällt – und das Einbinden der Nachrichtenlage sind sehr gut gemacht.

Stört es Sie gar nicht, wenn Normalbürger verarscht werden?

Die Bloßstellung von unschuldigen Normalbürgern hat eine großartige Wirkung auf den Hörer, der selber davon gekommen ist. Die Verarschung sollte natürlich Grenzen haben. Aber Politiker sollte man in jeden Dreck ziehen, der sich ergibt. Politiker stehen in der Öffentlichkeit, die müssen sich das gefallen lassen.

Ö3 wird vorgeworfen, zu wenig heimische Musik zu spielen.

Ich kenne diesen Vorwurf vom ersten Tag an. Ein Unterhaltungsmusiker, der sich nicht durchsetzt, hat nicht den Anspruch auf Powerplay im heimischen Radio. Niemand würde ein Auto kaufen, das nach zwei Metern kaputt ist, nur weil es in Österreich gebaut wurde. Ohne die Hörer zu vergraulen, haben wir bestimmte Titel in der Nacht gespielt. Auf der anderen Seite: Ohne Ö3 hätte es nie den Austropop gegeben.

Ö3 organisierte die Vorentscheidung für den Song Contest. Ist er noch zeitgemäß?

Schon zu dem Zeitpunkt, als ich den Contest moderierte, war er nicht mehr zeitgemäß. Der Song Contest zeigt der ganzen Welt, wie grausam Europa sein kann. Schon alleine das elendslange Auswahlverfahren – ist doch egal, wer der 40. oder 41. ist. Wenn ich nur das Quoten-Argument nehme, kann man gleich Porno zeigen. Der ganze Contest kommt so behäbig daher, dass er nur noch für das Zielpublikum der Satiriker geeignet ist. Auch in meinen Moderationen war herauszuhören, was ich vom Contest halte.

Ernst Grissemann leitete ab 1967 zwölf Jahre lang Ö3. Außerdem moderierte er 28 Jahre lang die Übertragung des Song Contests. Heute steht der 77-Jährige noch für Lesungen auf der Bühne. Im Wiener Platten-Shop „Rave up“ griff er zu den 50ern und 60ern. Privat hört er Klassik.
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Thursday, 17.05.2012, 08:38 Uhr

Autorenprofil Anita Kattinger

Anita Kattinger
Die 28-jährige Publizistik-Absolventin begann ihre journalistische Laufbahn bei der Zeitschrift der Gewerkschaftsjugend und war mehrere Jahre als Innenpolitik-Redakteurin bei der Tageszeitung ÖSTERREICH tätig.

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