WIENER
Bühne

Mann mit Eigenschaften

Als Teenager flog er wegen eines blöden Witzes hochkant aus dem Reinhardt-Seminar. Heute glänzt er als Loser und Antiheld. Der WIENER schlürfte mit Österreichs derzeit meistbeschäftigtem Schauspieler Kaffee ohne Milch.

Über zu wenig Aufträge kann Fritz Karl wahrlich nicht klagen. Auch nicht über mangelnde Aufmerksamkeit. Eigentlich hatte unser Fotograf auf einen optisch unkultivierten Karl gehofft. Wie auf seinem aktuellen Filmplakat für das Roadmovie „Black Brown White“ mit Gigolo-Bart. Am besten in abgefuckter Lederjacke und dreckigen Boots. So richtig dirty eben. Als Karl den Raum betritt, wirkt er mit seinen 1,77 größer als auf der Kinoleinwand. Und leider gepflegter – frisch rasiert mit Hemd, Gilet und Blazer. Smalltalk und freundliches Blicken lässt er lieber gleich ganz weg. Wer braucht schon den Kinderkram? Nach ein paar Minuten Konversation – nicht mit uns, wohlgemerkt – über Café Latte, Capuccino und Espresso doppio nimmt er doch noch den WIENER wahr. Schließlich sei es in Italien schon fast „unkultiviert“, nach der Mittagszeit Kaffee mit Milch zu trinken. Ah, ja.

Faible für Antihelden

Vielseher können Fritz Karl nicht nicht kennen. Die Älteren haben ihn als Sebastian Reidinger aus „Julia – eine ungewöhnliche Frau“ in Erinnerung. Krimifans aus „Der Fall des Lemming“ und Gastauftritten in „Kommissar Rex“, „Soko Kitzbühel“ oder „Tatort“. Feinspitze aus „Wer früher stirbt, ist länger tot“ und „Jennerwein“ an der Seite von Christoph Waltz. Seine Spezialität sind eindeutig die gebrochenen Typen. In seinem nächsten Film „Black Brown White“ spielt er einen Trucker, der nicht nur Knoblauch transportiert, sondern auch Menschen schleppt. Hat Fritz Karl ein Faible für die Anti- Helden? „Gar nicht! Aber schauspielerisch ist es anspruchsvoller, jemanden zu spielen, der immer wieder einbricht oder sich aufbaut, als jemanden, der immer geradlinig ist. Ich sehe es als Kompliment, dass mir solche Rollen angeboten werden.“

Mit zarten 16 überzeugte der Oberösterreicher bei der Aufnahmsprüfung am renommierten Max-Reinhardt-Seminar. Aber das Landei fühlte sich unter den viel älteren Schauspiel-Schülern nicht wohl und rebellierte gegen den Unterricht. Als ihm die honorigen Herren von der Burg vormachten, wie er die Tür auf der Bühne richtig zu öffnen habe, blieb er vom Unterricht fern.

Fritz Karl: „Wenn ich in der Schule war, habe ich Blödsinn gemacht. Einzelheiten verrate ich nicht, sie wären mir zu peinlich.“ Lange ging das pubertierende Verhalten nicht gut und der kleine Teenager- Rebell bekam Kontroll-Prüfungen aufs Auge gedrückt: „Erni Mangold saß in diesem Komitee und hatte mir zuvor einen Witz erzählt. In der Prüfungssituation ist mir dieser wieder eingefallen und ich hab vor dem Komitee den Witz gespielt. Das war natürlich ein vollkommener Blödsinn.“ Es war seine letzte Prüfung – er fiel durch und flog vom Seminar.

Der Rauswurf nagte jedoch nicht an seinem Selbstbewusstsein. Schließlich hat er seinen Weg gefunden. Seiner Stimme und einer Ausbildung bei den Wiener Sängerknaben verdankt er einen seiner ersten Fernsehauftritte. Karl: „Es gab früher im Kinderfernsehen eine Sendung, die „Fortsetzung folgt“ hieß. Da wurden Bücher vorgestellt. Szenen aus diesen Büchern spielten Jungmimen nach. Meine Geschichte war die eines Mädchens, das von zu Hause ausbricht und eine Rockband kennen lernt. Ich spielte den Rocksänger. Die Band sollte mit dem Mädchen flirten und dann bei einer Autobahn-Raststation mit Löffeln trommeln, dazu sollte ich „I Promised Myself “ singen. Es war so bitter. Ich war dermaßen frustriert, dass ich flehte: Des kann net der Beruf sein.“ Nach einiger Zeit hatte sich der Jungschauspieler aber wieder gesammelt und es ging ohne Trauma steil bergauf.

Der Charakterdarsteller

Heute muss sich Fritz Karl nicht mehr mit derartigen Kinkerlitzchen rumschlagen. In den Jahren 2009 und 2010 drehte er je sechs Filme. Damit gehört er zu den meist-beschäftigten Schauspielern Österreichs. Der Reiz an „Black Brown White“ lag für den 43-Jährigen an der Nähe von Fiction und Realität. So nah, dass es unangenehm wird. Karl: „Wir haben in Spanien die Hütten gesehen, wo die Paradeiser- Pflücker daheim sind. Ein Arbeiter lebt in einem Bereich, der die Länge eines kleinen Sofas hat. Die Afrikaner haben mir erzählt, dass ihre Familien bis zu 10.000 Dollar für ihre Flucht bezahlt haben. Diese Menschen arbeiten dann für ein paar Cent als Erntehelfer, damit wir auch im Winter billige Paradeiser fressen können.“

Also hat der Film auch eine globalisierungskritische Botschaft? „Ich mag das Wort Botschaft nicht, denn das erinnert mich an Bildungsfernsehen. Natürlich wissen wir aus den Zeitungen, dass es Flüchtlinge, billige Erntehelfer, Schlepper oder Immobilien-Spekulation gibt, aber es tangiert uns alles nichts. Es fehlt ein emotionales Erlebnis – und das können gute Bücher und Filme liefern.“

Der Mime setzt seine Popularität derzeit in Lesungen für ein Kriseninterventions- Heim der SOS-Kinderdörfer in Altmünster im Salzkammergut ein – aus dem Nachbarort Traunkirchen kommt Karl.

Der Familienmensch

Mit 21 wurde Karl als mittelloser Schauspieler das erste Mal Vater. Ganz normal, findet er: „Soll ich Ihnen erklären, wie das Kinderkriegen funktioniert?“ Vier weitere folgten. Seine Lebensgefährtin, die deutsche Schauspielerin Elena Uhlig, und er haben sich für eine ungewöhnliche Lebensplanung entschieden: Sie sind Nomaden. Für die Dreharbeiten zu „Black Brown White“ zog Uhlig mit den zwei gemeinsamen Kindern nach Spanien. Das Jüngste war erst kurz zuvor auf die Welt gekommen. Sonst pendelt die Familie zwischen München, dem Salzkammergut und Wien, wo seine Kinder aus einer früheren Beziehung wohnen.

Mit Schauspiel-Kollegen gründete Fritz Karl die Akademie des Österreichischen Films. Ob er das für die nächste Generation gemacht hat? Immerhin haben seine zwei Söhne schon Schauspiel-Luft geschnuppert. Karl fetzt sich ab und fliegt beinahe vom Sessel. Das Verabschieden fällt immerhin freundlicher aus als die Begrüßung: „Für wen seid Ihr noch mal da? Ah! Den mag ich.“

Fritz Karl privat: Geboren am 21. Dezember 1967 in Gmunden. Als Sebastian Reidinger in der Serie „Julia“ erlangte er Bekanntheit im deutschsprachigen Raum. Weiters spielte Karl in „Der Fall des Lemming“ und „Wer früher stirbt, ist länger tot“. Aus einer früheren Beziehung hat er drei erwachsene, mit Partnerin Elena Uhlig zwei kleine Kinder (22, 20, 16 und 3 Jahre, 9 Monate).
  • email
  • Facebook
  • Twitter
  • Posterous
  • del.icio.us
  • Tumblr
  • Google Bookmarks
  • LinkedIn
Shortlink:

 

Userkommentare

Keine Kommentare zu diesem Artikel | Kommentar schreiben

wiener-online.at

Die offizielle Website des WIENER

Männer - Zeitgeist - Lifestyle - Kultur

Thursday, 17.05.2012, 08:23 Uhr

Autorenprofil Anita Kattinger

Anita Kattinger
Die 28-jährige Publizistik-Absolventin begann ihre journalistische Laufbahn bei der Zeitschrift der Gewerkschaftsjugend und war mehrere Jahre als Innenpolitik-Redakteurin bei der Tageszeitung ÖSTERREICH tätig.

» Alle Beiträge von Anita Kattinger » Private Webseite

Jetzt in Ihrer Trafik!

WIENER

Das Juni-Heft u.a. mit folgenden Themen:

  • Die Schmäh Brüder
  • Jason Stathame
  • Ulrich Seidl
  • Ein Museum im Meer
» ZUM HEFTABO

Eventkalender

Weitere Online-Angebote der Styria Media Group AG:
Börse Express | Die Presse | ichkoche.at | Kleine Zeitung | sport10.at | typischich.at | willhaben | WirtschaftsBlatt
//wiener-online.at