Lost in the Supermarket
Wozu in die Ferne schweifen? Wein-Kenner Roland Graf schickt dem WIENER seine Flaschenpost diesmal aus dem Supermarkt.
Joe Strummer ist tot und auch in Sachen Wein (siehe Titel dieses Eintrags) haben „The Clash“ nicht mehr recht. Denn seit vier Jahren erscheint mit „Weinkaufen im Supermarkt“ ein Führer durch die 500 preiswertesten Bouteillen in Österreichs Regalen. „Verloren“ braucht sich seither kein Diskont-Apostel und keine Schnäppchen-Jägerin mehr zu fühlen. Alexander Jakabb und Konrad Hackl sind ehrlich genug, bei den getesteten Flaschen unter 10 Euro auch nicht wenige „Geschmacksverwahrlosungen“ ausgemacht zu haben. Was beim Billigsdorfer Ihres Vertrauens hingegen uneingeschränkt trinkbar ist, listet der 300 Seiten starke (Einkaufs-)taschenfreundliche Band auf:
„weinkaufen im Supermarkt 2011“ von Alexander Jakabb und Konrad Hackl, Braumüller Lesethek (ISBN: 978-3-99100-025-9). Der Kostenpunkt liegt mit EUR 6,90 übrigens deutlich unter vielen Weinen im Band.
Wer als Hardcore-Modernist in Web-Zeiten Bücher nicht mehr lesen will, kriegt hier die Top-Plazierungen des Supermarkt-Guides vorgekostet. Die Niederungen erspare ich Ihnen, Rotwein lassen wir für heute auch aus. Denn da bin ich parteiisch, schließlich gewann mit dem „Flat Lake“ ein Hofer-Wein, der einen alten Freund als Superviser hat, nämlich Leo Hillinger.
Weiss, günstig, im Regal
Wie bei vielen Bio-Weinen entwickelt sich der Duft des „Kellerberg“ (siehe hier) recht langsam. Auf die ersten Eindrücke – Orangenminze, Zesten, Karamell, leichte Rose und Koriander – folgt zunächst ein rotbackiger Apfel, der mit der Zeit immer mehr an Apfelstrudel denken lässt. „Schuld“ daran ist der an Bäckereien erinnernde Hefe-Ton. Hannes Zillinger lässt den GV gerne länger auf der Hefe liegen.
Das macht den Wein auch sehr vielschichtig am Gaumen, im Gegensatz zu vielen anderen DAC aus dem Weinviertel steht nicht Säure und (aufgemotzte) Frucht im Mittelpunkt. Dank schöner Kohlensäure und der dezent mineralischen Note vom Sandstein-Grund des Kellerberges kommt dennoch auch Frische in den fülligen Wein.
Grüner Veltliner DAC „Kellerberg“ 2009, Bezugsquelle: 6,99 € bei Bio Maran oder Maxi Markt-Filialen sowie ab Hof, www.zillinger.at
Weiss und nicht im Regal
Johannes Zillinger selbst ist zwar recht jung, als sein Vater auf biologischen Anbau umstellte, schrieb man aber erst 1985. Entsprechend viel Erfahrung mit den oft nicht zu Unrecht gescholtenen Bioweinen bringt man in Velm-Götzendorf mit. Daher sei hier auch ein Super-Wein, den er nicht an Supermärkte abgibt, aus seinem Haus erwähnt.
Maracuja wird zu Marshmallow – zumindest in den Eindrücken, die der Riesling „Haidthal“ (siehe hier) in die Nase zaubert. Cremig und mit verschiedensten gelben Früchten bringt der Lagenwein am Gaumen schönen Schmelz. Entsprechend lange bleibt der erste Schluck auch haften. Typischer Riesling ist das sicher keiner, aber ein ungewöhnliche kraftvoller und reifer Wein.
Riesling Haidthal 2009 – Bezugsquelle: 11,99 € ab Hof, www.zillinger.at
Süß, leistbar, im Regal
Die Beerenauslese hat einen schwierigen Stand. Als Männermagazin sei der Vergleich gestattet, sie ist quasi das Mauerblümchen unter den Rothaarigen. Wie meint er das, der Herr Graf? An sich schon eine Sache für Kenner, hält man sich beim Süßwein dann an die wirklichen zuckersatten Säfte. Dennoch hat die „BA“ ihre Berechtigung, schließlich muß man sich an die edelsüßen Schönheiten erst ranmachen, um bei unserer Analogie zu bleiben.
Bis über 300 Gramm Restzucker geht es beim Golser Hans Nittnaus in dieser Liga (die Golser „Essenz“ gibt es nur in Topjahren), der Einsteiger bringt aber bereits erstaunlich viel Kraft mit. Eiszuckerl, Rosen-Seife, Orange steigen in die Nase, aber auch das Wichtigste im Reiche Sweet stellt sich am Gaumen ein: schönes Frucht-Säure-Spiel. Am besten jetzt bevorraten mit dieser goldgelben Cuvée aus Sämling 88, Muskat Ottonel und Grauburgunder; denn 2010 wird alles nur kein gutes Süßweinjahr (dazu demnächst mehr).
Beerenauslese Cuvee 2009 – Bezugsquelle: 6,99 € in den Filialen von M-Preis (für unsere Tiroler) oder direkt ab Hof, www.nittnaus.at
BUCHTIPP. Alexander Jakabb und Konrad Hackl: „weinkaufen im Supermarkt 2011“ , Braumüller Lesethek (ISBN: 978-3-99100-025-9). EUR 6,90








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