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Leben im iAge

Noch nie war das Alltagsleben dank Technik so bequem wie heute. Noch nie war es so – anders ... Wie Internet & Co. unsere Wahrnehmung verändert haben, erklärt der Wiener Philosoph Herbert Hrachovec.

Technik macht Spaß, aber glücklich macht sie allein noch nicht. Sagt der Wiener Philosoph Herbert Hrachovec. Der WIENER traf den Gelehrten, der seine Lehrveranstaltungen an der Uni Wien live streamt, zum Gespräch über das Leben im 21. Jahrhundert, dem Zeitaltes des „i“ – dem iAge. Ein Gespräch über die nicht immer schöne neue Welt.

Im Gegensatz zur Erfindung des Buchdrucks ist die Erfindung des Computers und des Internets nicht mit blutiger Revolution vonstatten gegangen…

Weder der Buchdruck noch die ersten Maschinen waren am Blutvergießen Schuld. Erst die Bedingungen, wie diese Maschinen eingesetzt wurden, lösten soziale Aufstände aus. Jede Atombombe ist eine Anwendung von Technik, aber die Bomben gehen nicht von selber los. Wenn ich aktuell an das Stuxnet-Virus denke, das die Störung der iranischen Urananreicherungsanlagen zum Ziel hat, dann sind wir mitten im Thema Computertechnik und Kriegswesen. Wenn dieses Szenario in einer politisch heiklen Zeit wie einem Kalten Krieg passiert, sind wir vom Blutvergießen nicht weit weg. Auch das Internet kann ein Mittel zur Kriegsführung sein.

Waschmaschinen und Geschirrspüler erleichtern uns das Leben. Computer, Fernseher und MP3-Player machen uns Spaß. Wir müssten so glücklich wie noch nie sein.

Es gibt einen Unterschied zwischen Spaß machen und Glücklichsein! Technik kann angenehm und spannend sein, aber Glück hat mit dem Ganzheitszustand zu tun. Glück bezieht sich immer auf die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Der Zustand des Glücks ist eine Ausgeglichenheit aus dem Kontext, wo man herkommt, wie man ist und was man will. Glücklich ist man, wenn man die Daten, die man jetzt noch schneller herunter laden kann, auch genießen kann. Das ist nicht eine Frage der eigenen Einstellung gegenüber der Technik. Eine Glücksversprechung durch Technik kann es nicht geben.

Wir lesen online Zeitungen, wir klicken am iPad auf einen Artikel, wir lesen nur noch Überschriften und denken in Schlagwörtern. Verblöden wir?

Wir lesen sicher schlampiger im Vergleich zum fixen Maßstab, wie wir Bücher und Zeitschriften lesen. Durch die Schnelligkeit und Fülle des Lesestoffs ändern wir unsere Einstellungen. Wir sind trainiert auf eine andere Form des Lesens. Das heißt aber nicht, dass Bücher immer der Maßstab sein müssen. Wir lesen anders im Sinne einer größeren Kompetenz im Umgang mit Information. Ein Beispiel: Ich wurde durch die klassischen Hollywood-Filme der 1960er und 1970er sozialisiert, manchmal muss ich mir den Inhalt bei neuen Filmen und Serien zusammenreimen. Junge Menschen, die mit den heutigen Filmen und Serien aufgewachsen sind, verstehen den Inhalt viel schneller. Die Reizschwelle zum Verständnis ist kürzer. Sie sehen nicht schlampiger, sie sehen anders.

Wir kommunizieren durch technische Neuerungen anders?

Selbstverständlich. Durch ein unerklärliches Gesetz bin ich dazu verleitet, den Send-Button bei einem E-Mail-Text schnell zu drücken, anstatt den Text noch mal in Ruhe Korrektur zu lesen, als hätte ich ihn mit der Hand geschrieben. Aus dieser Online- Situation geht eine Versuchung heraus, anders zu kommunizieren. Wir kommunizieren nicht nur vor dem Computer anders. Wir kommunizieren anders am Wochenende, anders in der Arbeit, anders mit Fremden.

Stimmt die These: Je technisierter unsere Gesellschaft ist, desto mehr Geld und Wettbewerb stehen im Vordergrund?

Technik läuft nicht von selber. Es geht immer darum, wie und wofür die Menschen die Technik einsetzen. Es stimmt, mit Hilfe von Technik gibt es unerhörte Möglichkeiten zum Geldverdienen. Aber Menschen sind ja nicht gezwungen, Maschinen mit Geld zu verknüpfen. Es sind auch andere Gesellschaften denkbar. Philosoph Hans Jonas plädierte dafür, dass man Erfindungen nicht umsetzen darf, wenn sie Gefahren für die Menschheit mit sich bringen. Heißt das: Finger weg von Robotern, denn sie regieren womöglich künftig die Welt? Ja, das wird man Jonas vorwerfen müssen. Generell gesehen ist so ein Ansatz sehr problematisch, denn wie soll man vorhersagen, welche Auswirkungen eine Erfindung haben wird? Die These von Hans Jonas ist verständlich, da in dieser Zeit den Menschen bewusst wurde, dass sie durch die Erfindung der Atombombe die ganze Welt zerstören können. Das war davor nicht möglich. Am Beispiel der Atombombe ist es noch relativ leicht zu erklären, dass bei der Anwendung Millionen Menschen sterben werden. Aber wie soll man gegen die Neurochirurgie argumentieren, die in der Lage ist, Menschen einen Chip einzupflanzen, damit sie sehen können? Es ist schwer, sich hinzustellen und zu sagen, wir dürfen Menschen keinen Chip einpflanzen. Um Gier einzudämmen, brauchen wir sicher in manchen Fällen Verbote. Jeder Fall muss aber ausgestritten werden.

Walter Benjamin stellte fest, dass die Musik an Aura verliert, wenn wir nicht in Konzerte gehen, sondern die Musik via Schallplatten und Radio hören. Das klingt doch traurig, wieso meint er das positiv?

Es gab immer schon Kunst ohne Aura: Flugblätter, Gassenhauer, massenhaft hergestellte Landschaftsbilder. Die Aura ist ein zweifelhaftes Vergnügen. Sie spielt mit Originalität. Das Phänomen der Mona Lisa spielt damit, dass die Menschen glauben, nirgends auf der Erde gibt es ein vergleichbares Kunstwerk. Wenn ich vor der Mona Lisa stehe, dann bin ich aufgewertet, weil die ganze Welt dort stehen will. So ähnlich wie die Pilgerfahrten in den Petersdom oder nach Mekka. Das Anwesendsein an heiligen Orten bringt Aufwertung. Ich bin glücklich dort zu sein, weil ich mein restliches Leben sagen kann, ich war dort, ich habe es gesehen. Zweifelhaft ist dieses Glücksversprechen, weil es künstlich, mysteriös und religiös verführerisch ist.

Herbert Hrachovec, geboren am 30. März 1947 in Wien. Nach der Matura entschied sich Hrachovec für eine Kombination aus Germanistik, Geschichte, Theologie und Philosophie. Seine Spezialgebiete sind Neue Medien und digitale Kommunikation. Seit 2001 leitet Herbert Hrachovec als stellvertretender Vorstand das Institut für Philosophie an der Universität Wien. Seine Lehrveranstaltungen werden live gestreamt.
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Thursday, 17.05.2012, 08:19 Uhr

Autorenprofil Anita Kattinger

Anita Kattinger
Die 28-jährige Publizistik-Absolventin begann ihre journalistische Laufbahn bei der Zeitschrift der Gewerkschaftsjugend und war mehrere Jahre als Innenpolitik-Redakteurin bei der Tageszeitung ÖSTERREICH tätig.

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