Kinigadner, der bewegende Mann
Sebastian Vettel trägt seine T-Shirts. Didi Mateschitz nennt ihn seinen besten Freund. Heinz Kinigadner war zweimal Motocross-Weltmeister, und er hat seinen eigenen riskanten „Way of Life“ überlebt. Jetzt hat der Unzerstörbare nach vielen Dramen eine neue Mission: Er will Gelähmte wieder gehen lassen.

Foto: Harald Wiesleitner, Sautnerfoto.com
Die Nacht nach dem Tag, an dem er Weltmeister der Formel 1 geworden war, verbrachte Sebastian Vettel in einem weißen T-Shirt mit der Aufschrift Kini. Ein Tribut an einen Freund, der selbst Champion war, Motocross-Weltmeister der Jahre 1984 und 1985. Der Tiroler Heinz Kinigadner lebt seit 51 Jahren, aber die Geschichten, sie würden schon jetzt für mehr als nur ein Jahrhundert reichen. Seine Stärke ist, so sagt er selbst, sich selbst seelische Brücken zu bauen: „So habe ich mir gar nicht die Chance gelassen, an Misserfolgen zu lange herumzunagen.“ Heinz Kinigadner ist begnadet darin, Brücken zu bilden. Heute ist der Nationalheld der so freien frühen 1980er-Jahre die vielleicht am besten vernetzte Sportpersönlichkeit Österreichs. Dietrich Mateschitz nannte ihn in einem Sportmagazin-Interview „meinen besten Freund“, Niki Lauda ist sein Nachbar auf Ibiza, Gerhard Berger kommt gerne daheim im Zillertal mit dem Motorrad vorbei und Sebastian Vettel gehört, wie man von außen spürt, fast zur Familie.
Doch der Mann, der von Menschen umringt ist, die Flügel verleihen, ist geerdet. Und die Brücke, die er jetzt baut, ist die wichtigste seines Lebens: er will Gelähmte wieder gehen lassen, ihnen eine Brücke bauen vom Rollstuhl hin in eine Zukunft auf zwei sich bewegenden Beinen. Es ist der große Kampf, seit jenem Samstag 2003, als sein Sohn Hannes gestürzt ist. Heinz Kinigadner hatte in seiner Karriere nahezu 50 Knochenbrüche, er war berüchtigt für seine wilden Stürze, für sein bedingungsloses Touchieren der Grenzen. Er hat alles überstanden. Und dann musste er miterleben, wie sein Sohn bei einem Allerwelts- Faller bei einem Hobbyrennen schwerst verletzt wurde. Motocross, das ist die Arbeiterklasse des Motorsports: Die Piloten haben Schwielen an den Händen, ihre Daumen sind offen. Wenn man hinter einem Konkurrenten herjagt, schießen einem Steine ins Gesicht, sie schlagen blutige Schrammen, der ganze Körper wird blau. Einmal, sagt Kinigadner, „hat es mich bei der Dakar- Rallye mit 150 km/h zerbröselt. Ich bin im Graben gelegen und habe meine Innereien schreien gehört. Mit letzter Kraft habe ich meinen Helm nach oben geworfen – und der Letzte, der an diesem Tag vorbeigekommen ist, hat ihn gesehen. Nur so bin ich gerettet worden.“
Die Dakar-Rallye, die gefährlichste Motorrad-Veranstaltung der Welt, sie wurde zu seinem Schicksal: Immer wieder fuhr er den Gegnern auf dem langen Weg von Paris in die Hauptstadt Senegals auf und davon, doch jedes Mal scheiterte er. Und das meist in Führung liegend. Warum? „Weil ich immer einer war, der Improvisieren wollte, keiner der bedächtig plante. Ein Rivale hat mich mal als the opposite of organisation definiert.“ Improvisieren, das lernt man, wenn man in Uderns im Zillertal seine Kindheit verbringt, mit zwei Brüdern und drei Schwestern. Kini wächst in einer freien Welt auf, in der die Narreteien der Kinder noch nicht pädagogisch hinterfragt werden: „Beim Indianerspielen haben wir schon mal den Nachbarsbuben verkehrt an der Wäscheleine aufgehängt und erst nach dem Mittagessen wieder abgehängt.“ Oder „wir haben dem Kollegen des Vaters das Motorradfahren beigebracht – indem wir davor heimlich die Bremsen aus dem Moped ausgebaut haben.“ Ergebnis: „Es hat schön getuscht.“
So verrückt die Kinis erscheinen mögen, so zielstrebig verfolgen sie – motiviert vom Vater – ihre Motocross-Karrieren: „Unser Traum war es, dass jeder von uns eine der drei WM-Klassen gewinnen würde.“ Heinz schafft es, als erster und bis heute einziger Österreicher. Der Empfang daheim in Uderns war, „als wenn der König heimkommt“ (sagt Bruder Klaus). Doch Tränen war längst Beigeschmack aller Triumphe: Zwei Jahre zuvor waren seine Mutter und seine Oma im Auto tödlich verunglückt, und jetzt sollte es nur mehr wenige Wochen dauern, bis sein Bruder Hans bei einem Rennen stürzte: „Ich bin nach einer eigenen Verletzung zu ihm hingehumpelt auf Krücken. Und da liegt er und sagt: Es ist aus, ich bin querschnittgelähmt.“ Der Rollstuhl, er ist oft das letzte „Zweirad“ im Leben eines Motocrossers. 2003 erwischt es Pit Beirer, den deutschen Superstar.
Gemeinsam mit seinem Sohn Hannes besucht Heinz ihn in der Reha-Klinik. Bei der Rückfahrt ist Hannes tief betroffen. Zwei Tage später stürzt er selbst, als er einem Konkurrenten ausweichen will. Didi Mateschitz schickt einen Flieger zu Hilfe, Gerhard Berger organisiert einen Jet, damit Mutter Waltraud aus Ibiza einfliegen kann. Doch es wird rasch Gewissheit: Hannes ist gelähmt. Die Tragödie, die hat die zutiefst geerdete, herzliche Familie noch mehr zusammengeschweißt: Kein Problem, dass Heinz, seine Frau Waltraud und die Kinder Isabella und Hannes nicht gemeinsam in Angriff nehmen. Daneben aber hat der Sturz in den Rollstuhl das Leben im allgemeinen verändert. Heinz hat gemeinsam mit seinem Freund Mateschitz die Stiftung „Wings for Life“ gegründet. „Denn es wurde uns schnell klar, dass Querschnittlähmungen von der Pharmaindustrie vernachlässigt werden, weil es wirtschaftlich nicht rentabel ist.“ Und so packen sie an: „Unser Ziel ist es, die Forschung voranzutreiben, durch engen Kontakt mit Wissenschaftern und Ärzten in der ganzen Welt. Denn nur die Vernetzung der besten Köpfe bringt uns weiter.“ Menschen im Rollstuhl sollen wieder eine Chance haben, „aber ohne, dass wir mit falschen Hoffnungen spielen.“
Doch es geht was weiter: „Früher war ich blauäugig optimistisch, jetzt bin ich wissend optimistisch.“ Auch wenn immer alles zu langsam geht: „Als Sportler denkst du in Metern und Sekunden, hier aber denken die Ärzte in Jahren.“ Dabei macht jeder Fortschritt, und ist er noch so klein, Sinn: Die Zahl der Menschen im Rollstuhl erhöht sich jährlich um 130.000, im Schnitt sind sie erst 33 Jahre jung, wenn es passiert. Das gilt es immer wieder zu sagen, um die Wissenschafter zu führen, um Geld einzutreiben („Jeder Cent geht in die Forschung“), aber auch um politische Rahmenbedingungen zu schaffen – wenn etwa die Stammzellenforschung wieder in den Fokus Ewig-Gestriger kommt. Bei aller Kraft in die Zukunft vergisst Kinigadner nicht auf die Gegenwart. Ist im Gegensatz zu früher immer bei seiner Familie, oder mit ihr auf Reisen. Hannes ist immer dabei, wenn man Vettel und Co. bei der Arbeit zusieht. Der Deutsche ist längst einer der Botschafter von Wings for Life. Es ist dieses „Life“, das bei Heinz Kinigadner an Bedeutung gewonnen hat.
Auch weil es viele andere schmerzhafte Einschnitte gab: Als die Bäckerei des Vaters vor dem Ruin stand, als er Hodenkrebs hatte und kaum jemanden davon erzählte. Er fuhr heimlich Rennen in Amerika: „Die Konkurrenten lachten mich aus, weil ich zu wenig Kraft hatte, die Maschine bei 40 Grad aus dem Schlamm zu ziehen.“ Sie wussten ja auch nicht, dass er gerade seine zweite Chemotherapie hatte. Später, als es bekannt wurde, unkten viele „der Kinigadner fährt so verrückt, weil er dem Krebs davonfahren will und lieber auf der Maschine stirbt als an seinem Krebs. Aber da war was dran. Denn dort konnte ich die Tragödien meines Lebens vergessen.“ Die Kinigadners haben auch eine zweite Familie – KTM. Dort ist er Investor, besitzt einen großen Shop (siehe www.kini.at), ist Sportmanager. Im Jänner bei der Rallye Dakar kann die oberösterreichische Motorradschmiede zum zehnten Mal in Folge gewinnen.
Heinz Kinigadner - Der Allrounder: Geboren am 28. Jänner 1960, wohnhaft in Uderns/Zillertal und Ibiza (wo er sich 1985 ein Haus kaufte). Familie: Frau Waltraud (Heirat 1983), Kinder Isabell und Hannes. Erlernter Beruf: Bäcker, jetzt Sportmanager bei KTM, Motorsportprofi von 1980 bis 2000. Laufbahn: Motocross-Weltmeister 1984, 1985, viele Etappensiege bei der Rallye Dakar. GEMEINNÜTZIGE FORSCHUNGSSTIFTUNG: Wings for Life, das er gemeinsam mit Didi Mateschitz gegründet hat. www.kini.at, www.wingsforlife.com

Userkommentare