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Das Geschäft mit den Leichen

Er bezeichnet sich als Grenzgänger. Andere nennen ihn Dr. Tod. Im neuen Online-Shop verkauft Gunther von Hagens plastinierte Menschenkörper und Schmuck aus Tierkörperscheibchen. Der wiener traf den Deutschen in seiner Werkstätte und erfuhr, dass er diese als Schönheitssalon sieht und die Zeit der DDR-Gefangenschaft nie vergessen wird.

Gunther Von Hagens (Foto: Ailine Liefeld)Beim Besuch vom WIENER zeichnet sich Gunther von Hagens durch Gastfreundlichkeit und Humor aus. Ein schrulliger Mann, der älter wirkt, als er ist. Vielleicht liegt das an seiner seltenen Blutkrankheit, die ihn schon als Kind zum Außenseiter machte. Stets zeigt sich der Mediziner mit schwarzem Hut. Kein modisches Statement, betont er. Vielmehr ein Erkennungsmerkmal, wie bei den alten Maler-Meistern. Das Plastinarium in der ost-deutschen Stadt Guben ist das Herzstück seiner Arbeit. Dort können Besucher nicht nur die Arbeit an Leichen sehen, sondern auch ausgestellte Präparate. Es war schon fast ruhig geworden um den 65-Jährigen, bis im November eine Schlagzeile um die Welt ging: Körperwelten-Erfinder verkauft Leichenteile im Internet. Der Deutsche bietet nun seine plastinierten Menschen- und Tierkörperteile in einem Online-Shop feil. Wie schon vor 15 Jahren nach seiner ersten Körperwelten-Ausstellung sorgt das Geschäft mit dem Tod auch dieses Mal für einen Skandal.

Ein echter plastinierter Schädel mit ein paar Zähnen um 773, ein Männer-Torso um 56.644, ein Damen-Becken um 14.756 Euro. Als „Frankenstein-Künstler“ und „Leichenfledderer“ bezeichnen ihn die Kritiker. Haben sie zwar vor 15 Jahren auch, aber dieses Mal schlossen sich seine Befürworter den Empörten an. Manche seiner Körperspender fühlten sich hinters Licht geführt. Sie hätten ihren Körper für Ausstellungen, aber nicht zum Verkauf für einen Online-Shop frei gegeben, sagten sie. Gunther von Hagens schrieb einen Offenen Brief an seine noch lebenden Leichen in spe und verwies auf die Passage im Körperspendeformular, wonach die gefertigten Präparate an Lehreinrichtungen, Ärzte und medizinische Einrichtungen verkauft werden dürften. Diese Einwilligung gelte somit nicht nur für Museen und Universitäten, sondern auch für den Online-Shop. Denn auch dort werde überprüft, dass nur „qualifizierte Nutzer wie Universitätsprofessoren und Ärzte die anatomischen Präparate kaufen dürfen“. Nekrophilie – sexuelles Leichenschänden – ausgeschlossen. Für von Hagens ist die Angelegenheit damit abgeschlossen. Freilich könnte noch die eine oder andere europäische Ärztekammer den Klagsweg wählen. Ethik- Experte Michael Peintinger von der Österreichischen Ärztekammer ortet wie die Körperspender einen Tabubruch: Der Mensch würde „posthum zur Handelsware degradiert, wodurch seine Würde zutiefst verletzt wird“.

Der deutsche Plastinator bleibt ob der Aufregung gelassen. In den ersten Wochen des Shops gab es vor allem Nachfrage nach den Lifestyle-Produkten. In dieser Kategorie finden sich orangefarbene Ohrringe aus Giraffenschwänzen und Ringe aus Bullenhoden. Aber auch ein Spazierstock aus einem Bullenpenis ist zu haben. Ja, der ist wirklich so lang.

Im Gubener Plastinarium stehen nicht nur seine Präparate zur Schau, auch eine Gefängnistür ist aufgestellt. Mit tränenerstickter Stimme erzählt Gunther von Hagens von seinem Fluchtversuch aus der DDR. Am 7. Jänner 1969 wollte er kurz vor seinem 24. Geburtstag über die tschechische Grenze nach Österreich. Aber er wird von einem Grenzsicherungsbeamten erwischt und eingesperrt. Ein netter Wachmann lässt ein Fenster offen, eine Einladung zu türmen. Doch von Hagens zögert, denkt sich, es würde ihm zu Hause schon nichts passieren. Der größte Irrtum seines Lebens. Er wandert für zwei Jahre in den Bau, bis er von der BRD freigekauft wird. Das Plastinarium befindet sich in einer ehemaligen Woll-Fabrik. Mittlerweile stoppt er nicht nur bei Menschen die Verwesung, sondern auch bei Tieren. Auf dem weitläufigen Gelände findet sich Raum für große Tiere wie Elefanten und Giraffen. Bis März 2011 ist die Körperwelten der Tiere im Wiener Naturhistorischen Museum zu sehen. Für den Elefanten, der derzeit in Wien ausgestellt ist, benötigte sein Team 64.000 Stunden. Für dessen Plastination waren vier Tonnen Silikon und 40.000 Liter Azeton notwendig. Bei 1.500 Arbeitsstunden liegt der Zeitaufwand für die Plastination eines Menschen. Zwischen 50 und 60 Leichen hat von Hagens derzeit im Keller. Alleine in Österreich gibt es 177 Körperspender, die nach ihrem Tod für die Ewigkeit präpariert werden wollen. Rund 12.000 sind es weltweit.

In den ersten Jahren träumte er nachts von den Toten. Jetzt nicht mehr. Glaubt er an ein Leben nach dem Tod? „Ich bin ein Erfinder und Agnostiker. Ich darf nicht glauben. Ich muss Fragen stellen und denke in Wahrscheinlichkeiten. Ein Leben nach dem Tod wäre wunderschön, ist aber unwahrscheinlich.“ Mit der Arbeit an Leichen schlägt Plastinator Gunther von Hagens dem Tod ein „Schnippchen“: „Ich betreibe einen post-mortalen Schönheitssalon. Ich ziehe die Haut und damit die Falten ab. Danach ist man schöner und jünger.“ Er selbst sieht sich als Grenzgänger: zwischen Kunst und Medizin, zwischen West und Ost.

Was wäre der ehemalige Tänzer geworden, wenn er nicht die Plastination für sich entdeckt hätte? „Schönheitschirurg. Ich habe einen Tick dafür. Ich bin ein Busen-Fan.“ Auch er selbst möchte nach seinem Tod plastiniert werden: „Der Tod erschreckt mich nicht. Ich betreibe Sport und lebe gesund. Ich rauche nicht und ich esse kein rotes Fleisch. Es wäre eine Ehre, wenn sich meine Kollegen mit mir Mühe geben. Vielleicht stellen sie mich an den Anfang der Ausstellung, dann kann ich die Besucher begrüßen.“ Seine Nachfolge ist bereits geregelt. Ab Jänner 2011 übernimmt sein Sohn die Geschäftsführung in seinem Heidelberger Institut.

In Heidelberg nahm alles seinen Anfang. Als Assistenzarzt und Dozent am Institut für Pathologie und Anatomie ärgerte sich Gunther von Hagens über die damaligen Präparate, die in die Mitte eines Kunststoffblocks eingegossen waren. Also experimentierte von Hagens Tag und Nacht. „Bei mir zu Hause war der ganze Fußboden mit flüssigem Kunststoff übersät.“ Nach ein paar Versuchen war er auf dem richtigen Weg: Er sah ein offenes Fenster, wie damals nach der Festnahme. Wenn er diese Chance nicht ergreifen würde, dann könnte das Leben ihn bestrafen. Genauso wie damals, als er nicht durchs Fenster sprang. Er war davon überzeugt, mit der neu erfundenen Technik „die Lehre zu revolutionieren“. Mit einer Niere gelang es. Er wollte den Kunststoff in die Zellen einbringen, damit die Niere sich von innen heraus härtete und anfassbar wurde. Dabei sah die Niere nicht so aus wie die heutigen Plastinate. Sie war völlig geschrumpft und dunkel gefärbt. Aber es war der Anfang. Das Wort Plastination erfand er in „einer Wiener Kneipe“.

Fortan tat man ihn am Institut als „Spinner“ und als „Kunststoff-Klebi“ ab. Heute setzt er Millionen damit um. „Nach der Erfindung der Technik war mir nicht klar, dass das Plastinieren meine Lebensaufgabe werden könnte. Ich dachte, das werde ich zwei bis drei Jahre machen und dann etwas anderes.“ Die Idee, überhaupt Ausstellungen zu veranstalten, verdankt er seiner zweiten Ehefrau. So verrückt es klingen mag: 1987 lernten sie sich am Seziertisch lieben. Sie, die junge Medizin-Studentin. Er, der faszinierende Professor. Seither sind sie Partner, beruflich und privat. Bis das der Tod sie scheidet.

GUNTHER VON HAGENS. In Alt-Skalden in Polen geboren . Seine Jugend verbrachte er in Greiz in Ost-Deutschland. 1968 misslang ihm die Flucht aus der DDR über Österreich. Zwei Jahre saß er wegen Republikflucht im Gefängnis, bis er von der BRD freigekauft wurde. Mit 30 Jahren promovierte er an der Universität in Heidelberg zum Doktor der Medizin. 1977 erfand er aus Ärger über medizinische Präparate das Verfahren zur Plastination. Gunther von Hagens ist mit der Medizinerin Angelina Whalley verheiratet. An der Erfindung der Körperwelten- Ausstellung war sie maßgeblich beteiligt. 1995 gab es die erste in Japan. 1999 fand sie in Wien statt. Aus erster Ehe hat er einen erwachsenen Sohn und zwei erwachsene Töchter. Bis 7. März 2011 ist die Körperwelten der Tiere im Naturhistorischen Museum in Wien zu sehen. Webtipps: www.koerperwelten.com / www.plastination-products.com
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Thursday, 17.05.2012, 07:51 Uhr

Autorenprofil Anita Kattinger

Anita Kattinger
Die 28-jährige Publizistik-Absolventin begann ihre journalistische Laufbahn bei der Zeitschrift der Gewerkschaftsjugend und war mehrere Jahre als Innenpolitik-Redakteurin bei der Tageszeitung ÖSTERREICH tätig.

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