Walkie-Talkie
Oral? Anal? Verbal! Pandora bekommt endlich einen Satz heiße Ohren.
[Feiertags-Pandora-Retrospektive, Teil 2] Der Mensch ist ein sprachbegabtes Tier und wird sich immer durch das Wort verführen lassen. Das wusste schon Simone de Beauvoir, und die war immerhin zeitlebens nicht nur ausgesprochen klug, sondern auch eine Gespielin von Jean-Paul Sartre. Kein leichter Job, sicherlich. Deswegen mein Gedanke, ob der gute Jean ihr wohl auch Widerlichkeiten ins Ohr flüsterte, deren böse Blumen erst nach Mitternacht erblühen. Nichts wäscht uns den Staub der alltäglichen Nettigkeiten effektiver vom Leib als die klare Ansage. Durch den ersten Schockmoment muss man allerdings durch, das war auch bei mir nicht anders. Doch dazu später.
Dem geneigten Leser ist mittlerweile sicher bewusst, dass moi, was Zweideutigkeiten angeht, die das Gegenüber in lüsterne Bereitschaft versetzen, den schwarzen Gürtel trägt. Meine spitze Zunge ist waffenscheinpflichtig, ich sonne mich bevorzugt im schamhaften Erröten meiner Mitmenschen. Konkret werde ich aber selten. Ich umschreibe, aber ich bezeichne nicht. Niemals würde mir ein “Schwanz” über die Lippen kommen – in der entgegengesetzten Richtung ist das natürlich kein Problem. Und, nennen wir das Kind ruhig beim Namen: Noch beschwerlicher ist es, mein eigenes Du-Du zu benennen. Vagina klingt wie ein Vorname, Muschi und Pussy erinnern mich an ein Tierheim. Also gehe ich bei einem flehentlich gehauchten “Gib’s mir” einfach davon aus, dass der Gute weiß, wohin.
Doch so verschämt und maulfaul ich in meiner eigenen Aussprache auch sein mag: Mein Sender ist dafür stets auf Empfang gestellt. Sobald mir jemand ungefiltert Schmutzigkeiten ins Ohr träufelt, tanzen meine Synapsen Samba. Prägend mag da eine Szene aus “Wild At Heart” gewesen sein, David Lynchs Höllenfahrt in das Land hinter dem Regenbogen. Hauptaktrice Lula muss die Erfahrung machen, dass die Worte “Sag: Fick mich” aus dem Mund von Bobby Peru (ein echter Bringer: Willem Dafoe) imstande sind, sie in einen hilflosen Orgasmus zu treiben, während neben ihrem Bett noch das Erbrochene ihrer Schwangerschaft von Herzblatt Sailor liegt. Bei mir verhält sich das ähnlich, nur ohne Kotze. Je derber das Wort, desto sicherer können Sie sich meiner Aufmerksamkeit sein.
Zuerst reagierte ich leicht verschreckt, als mich mein persönlicher Bobby Peru, tagsüber handzahm, sogar teil-sensibel, verbal vergewaltigte. Beim Dinner füttert man sich noch manierlich mit Amuse-Gueule, plaudert über die Klimaproblematik und gibt sich artig, knapp danach ist man schon “ein geiles Dreckstück”, dass “bis zum Anschlag abgefüllt werden will”. Expliziter kann ich nicht werden, so leid es mir tut, selbst wenn eben genanntes nur einen Bruchteil des Wortschatzes meines derzeitigen Lovers widerspiegelt. Sorry, aber noch erhält man den WIENER nicht in einer dezenten Plastikhülle verschweißt.
Irgendwann ist meinem Bobby dann natürlich doch der Geduldsfaden gerissen. Ich wurde mit dem Gürtel meines Bademantels sorgfältig bewegungsunfähig gemacht, man nahm mir mittels Augenbinde die Sicht, flößte mir Rotwein in rauen Mengen ein (Mund zu Mund, versteht sich), dann bekam ich meine Lektion in Sachen Verbalerotik. Für Fortgeschrittene. Er sprach vor. Ich sprach nach. Teach me, Tiger. Seitdem weiß ich: Guter Dirty Talk ist brutal, vulgär, abwertend, unromantisch – und absolut geil. Der direkte Weg zum Höhepunkt führt offenbar nicht durch mein Du-Du. Auch nicht durch mein A-A. Der Expressweg führt durch meinen Gehörgang. Ganz egal, wer gerade am Wort ist.








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