WIENER
Bühne

Gedanken, frei. Kottan-Star Johannes Krisch im WIENER-Porträt.

Im oscarnominierten Film „Revanche“ spielte Burgschauspieler Johannes Krisch die Hauptrolle und blickte kurz nach Hollywood. Glanz und Glamour sind ihm dennoch egal - nicht hingegen Wien und die Welt. Porträt eines eigenwilligen Arbeitstiers.

Johannes Krisch betritt erstmals seit mehreren Monaten sein Stammcafé. Im Eiles beim Rathaus herrscht seit 1. Juli Rauchverbot. „Komplett?“, fragt er fassungslos. Seit Jahrzehnten kommt er regelmäßig her. „Da muss ich mir also ein neues Lokal suchen.“ Der Kellner nickt verständnisvoll und bringt dem einstigen Stammgast wohl zum letzten Mal seine Melange.

Wir begegnen Krisch am Ende einer längeren Krankheit. Wegen einer Lungenentzündung musste sogar eine Vorstellung seiner aktuellen Burg-Produktion „Stroszek“ abgesagt werden. Oft passiert ihm das nicht. „Schnupfen, Heiserkeit, das ist mir sowas von wurscht – dann ist halt die Figur verkühlt. Wenn der Lappen hochgeht, dann geht’s.“ Ein Produkt der Routine? „Oh nein, keine Routine, Routine darf es nie sein. Und Müdigkeit? Mein Gott, müd samma alle.“ Auch fest in seinen Schal gewickelt und am Nikotinersatz kauend kennt der Mann genau die Balance zwischen Professionalität und Genuss. Seit 21 Jahren ist er – nach einem kurzen Engagement in Liechtenstein – festes Ensemblemitglied an der Burg, fast die Hälfte seines gesamten bisherigen Lebens. Wenige, die so lange dabei sind, sind so unmittelbar mit Wien verbunden wie Johannes Krisch. An einem Haus, das sich die exquisitesten Mimen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum holt, ist er als Urwiener geradezu ein Unikat; viele – bezeichnenderweise deutsche Regisseure – besetzen ihn gezielt wegen seines Zungenschlags. „Weil das für sie ein wahnsinnig exotischer Dialekt ist, da fahren sie voll drauf ab, versuchen ihn nachzumachen und sind ganz schlecht dabei“, klagt er augenzwinkernd. „Dann sagst ihnen: Bitte, bitte, mach es nicht, aber sie sind unbelehrbar. Manchmal passt es ja auch, und manchmal lässt man es dann eh weg. Aber ich wage zu behaupten, dass ich noch keinen Shakespeare mit Wiener Dialekt gesprochen habe. Und wenn das gefordert wird, verweigere ich.“

Auch wenn er sich die Rollen nicht immer aussuchen kann, behält Krisch sich sein Selbstbewusstein. Der Genussfaktor „lässt sich bei der Arbeit ja beeinflussen“, sagt er. Und betont mehrfach, wie wenig er sich wie eine Marionette behandeln lässt. Seine „Gedanken sind frei“, genau wie jene seiner neuesten Figur, des Straßenmusikers Bruno Stroszek. In „Stroszek“, der Bühnenfassung eines Werner-Herzog-Films, spielt Krisch ein naives Ex-Heimkind, das aus dem Gefängnis entlassen hilflos und doch selbstbestimmt durch die Realitäten Deutschlands und später der USA wankt. Den Film hat Krisch vor Jahren gesehen. Als er besetzt wurde, ließ er die Finger davon, erneut reinzuschauen. „Den mussten wir ganz neu erfinden. Dieser Bruno S.“ – der Schauspieler spielte 1977 in dem Film quasi sich selbst – „war eine viel zu komplexe und eigenwillige Figur, um ihn einfach nachzumachen.“

„Stroszek“ konfrontierte den Mimen auch mit einer seiner absoluten Lieblingsrollen: Kaspar Hauser, diesem aus dem Nichts aufgetauchten Menschen, dem (scheinbar) alles Menschliche erst beigebracht werden musste. Die Regisseurin brachte unauffällig einige Passagen aus Peter Handkes Stück „Kaspar“ in ihrer Textfassung unter – und Krisch ist fasziniert. „Dieser reine Mensch, der ins Leben geht, lässt mich nicht los. Mit solchen Rollen wird man nie fertig. Wie Carina Riedl die Geschichte mit Kaspar und auch Woyzeck verwoben hat, war sehr interessant. Schwere Kost, polarisiert auch – aber so sollte es sein im Theater. Wenn ich einen Abend spiele, wo alle sagen: Ach, wie schön!, dann landen wir bei RTL, darauf habe ich keine Lust.“

Mit seinem Arbeitgeber, dem Staatsbetrieb, ist er auch nach 21 Jahren noch zufrieden. „Das Burgtheater ist die beste denkbare Arbeitsumgebung, weil hier die besten Regisseure arbeiten – oder arbeiten sollten. Man muss das mit Hollywood vergleichen. Es ist einfach spannend, mit der Crème de la Crème Projekte zu machen.“ Apropos Hollywood: Im Zuge der Oscarnominierung des Spielmann-Films „Revanche“ 2009 besuchte Johannes Krisch als Hauptdarsteller die Verleihung in L.A. Das Burgtheater sagte dafür gnädigerweise sogar eine Vorstellung ab. Ein glamouröses Abenteuer. Zieht es ihn denn gar nicht in die Welt hinaus? „Freilich. Es zieht und zieht, und wir werden sehen, wo es mich hinzieht“, schmunzelt der 43-Jährige und verändert dabei sein gesamtes, sonst sehr ernstes, zuweilen sogar etwas böses Gesicht, wissend, dass er gerade ein kleines Rätsel aufgegeben hat.

„Revanche“ hat Krischs nationale und internationale Bekanntheit durchaus gefördert. Star will er dennoch keiner sein. „Dieser ganze Glamour geht mir am A…. vorbei. Das künstlerische Projekt zählt. Ob man sein eigenes Leben dadurch sinnvoll gestaltet. Sonst müsste man was Anderes machen. Man hat ja nicht so viel Zeit auf der Welt.“ Wer viel Zeit im gewaltigen Ensemble des Burgtheaters verbringt, ist entweder zum Star avanciert oder schon mal frustriert, weil er bezahlt, aber kaum besetzt wird. Krisch fährt souverän den Mittelweg. Zum Beispiel durch Projekte abseits des Burgtheaters. So strahlt sein eindringlicher Blick in den nächsten Monaten verstärkt von der Leinwand, denn das Kino „beglückt mich zur Zeit wahnsinnig!“ Im Dezember erscheint der „Kottan“- Kinofilm. Darin spielt Krisch eine der Hauptrollen („Nein, nicht den Bösewicht!“).

2011 folgen Marie Kreutzers Geschwisterdrama „Die Vaterlosen“ und der neue Film von Elisabeth Scharang. In „Vielleicht in einem anderen Leben“ probt eine Gruppe deportierter Juden in einem Dorf spontan die Operette „Wiener Blut“. So landen wir ohne Umschweife beim Wien-Wahlkampf. „Alle schreien nach Globalisierung, aber unserem nächsten Mitmenschen, der studieren will, werfen sie vor, dass er aus einem anderen Land stammt“, ereifert sich Krisch. „Was sollen sich eigentlich Touristen denken, die herkommen und solche rechtslastigen Plakate lesen – da schäme ich mich, Wiener zu sein!“

Sonst fühlt er sich hier freilich sehr wohl. „Der Stadt Wien habe ich einiges zu verdanken. Ich bin gern Wiener, auch gerne Österreicher – noch.“ Dann wird Johannes Krisch nachdenklich. „Ich bin auch gern Europäer“, setzt er fort, „und ich bin gern auf der Welt! Ich liebe diesen ganzen Globus. Und ich verstehe nicht, warum all die Astronauten, die die Kugel von außen gesehen haben, nicht den Mund aufmachen, uns erklären, wie klein dieser Ball ist, wie eng es für uns wird, wenn wir nicht aufpassen. Wir müssten alle mal von außen draufschauen. Ein kurzer Trip für die gesamte Weltbevölkerung, um unsere Probleme in die richtige Dimension zu setzen. Die Parameter sind so verschoben, dass einem schlecht wird. Zum Beispiel sitz ich jetzt im Eiles und darf nicht rauchen. Das ist lächerlich und kleinkariert.“ Und wieder dieses allumfassende Schmunzeln.

JOHANNES KRISCH, geboren 1967, ist seit 1989 Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters. 2009 waren er für den Nestroy und sein erster großer Kinofilm „Revanche“ für den Auslandsoscar nominiert. Ab 3. Dezember ist Krisch in Peter Patzaks „Kottan“-Film auf der Leinwand zu sehen. www.johannes-krisch.com
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Thursday, 17.05.2012, 07:35 Uhr

Autorenprofil Martin Thomas Pesl

Martin Thomas Pesl
Martin Thomas Pesl, geboren 1983 in Wien, arbeitet von ebenda aus als Sprecher, Übersetzer für Deutsch, Englisch und Ungarisch, sowie seit 2008 als Autor für den WIENER.

» Alle Beiträge von Martin Thomas Pesl » Private Webseite

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