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Cars

Roadmovie: Danke, gut!

Man kennt das ja: Billa, sagt der Hausverstand; Hofer, sagt der Kontostand. Insofern bedarf es einer gewissen Abgehobenheit, einen Mittelklasse-Rolls Royce zu pilotieren und sich die Begeisterung darüber keinesfalls anmerken zu lassen.

Foto: Paul Linse

Foto: Paul Linse

Als Kind mit Rolls Royce-Modellautos zu spielen bereitete mir stets Schwierigkeiten. Autos machen Brumm, normalerweise, und das lässt sich mit einigem gutturalen Fantasievermögen ganz gut nachstellen. Aber ein Rolls Royce würde dadurch glänzen, verriet mir mein Vater, dass er eben kein Motorengeräusch hätte. Er liefe lautlos, sagte der Herr Papa, völlig still, keinen Mucks würde er machen. Wahrscheinlich kostete er deshalb so viel Geld, nämlich einen siebenstelligen Beitrag in Schillingen – damals eine wahnsinnig entrückte Vorstellung für den Preis eines Automobils. Wie aber kurvst du deinen Matchbox-Rolls um die Teppichecke, wenn du ihm dabei kein Motorengeräusch mitschicken kannst?

Heute weiß ich: Der alte Sauer hatte sich das gut überlegt. Mit der Mär vom geräuschlosen Auto und dem dazupassenden 1:24-Silver Shadow würde er sich einen störungsfreien Fernsehabend erkaufen. Weil ja Kids am liebsten mit dem Neuesten Spielen – am besten unmittelbar nachdem sie es bekommen – würde die diesabendliche Matchbox- Parade nach der väterlichen Instruktion geräuschlos vonstatten gehen. Nicht wie sonst mit nervtötendem, vorstimmbrüchlichem Gebrumme, sobald eine der kleinen Kisten auf dem Esszimmertisch ausparkte. Und das gelegentliche, nachgeahmte Reifenquietschen würde er locker wegstecken.

Ungefähr 15 Jahre später durfte ich erstmals hinters (rechts angeordnete) Steuer eines echten Silver Shadow. Und die Enttäuschung war entsprechend, als der dicke V8 da vorne mächtig Laut gab. Aber weil Väter nie lügen, führte ich das auf erhöhte Marderdichte im Westen Wiens zurück, irgendwer muss sich ja durch die meterdicke Motordämmung gefressen haben. Erst der Phantom, weitere acht Jahre später, nagelneu und schon von BMW gefertigt, räumte endgültig auf mit dem verklärten Bild vom stummen Briten. Zwar hörte man vom dortigen Zwölfzylinder im Inneren des Wagens wirklich kaum was. Aber Klingen konnte der trotzdem, wenn man wollte. Und anders als der leider bereits verstorbene Vater bei meinen kindlichen Imitationen, genoss ich jedes Dezibel, das der Rolls-Maschinenraum von sich gab.

Wieder drei Jahre später stand es nun also an, den neuen Baby-Rolls zu testen. Ghost nennt sich das Ding, es würde den Luxusmarkt neu aufmischen, wusste der Importeur. Und endlich für Stückzahlen im Zeichen der Emily sorgen, was man vom ungetümösen Dickschiff Phantom ja nun wirklich nicht behaupten kann – beim nächsten, den Sie auf der Straße sehen, dürfen Sie sich was wünschen. Wenn große Hersteller von kleinen Autos reden, kommen meist recht skurrile Dinge dabei heraus, man erinnere sich bloß an das Jahr 1983 und den stolz als „Kompaktklasse“ vorgestellten Viermeter-Wagen Mercedes-Benz 190. Faktisch ist auch der kleine Rolls um fast einen halben Meter länger als beispielsweise der eigentlich schon ganz dicke Siebener-BMW (mit dem er sich einiges an Technik teilt). Aber blöderweise gibt es eben noch welche darüber. Daher also Klein-Rolls, Mittelklasse. Um wohlfeile 303.390 Euro. Das sind knapp zwei Drittel dessen, was der große Phantom kostet. von den Coupés und Cabriolets der Marke wollen wir hier gar nicht erst anfangen. Genau beäugt stellt derlei eigentlich einen Affront an die typische Rolls-Käuferschaft dar. Wie soll man das nun argumentieren im Country-Club? „Es hat nur für den Kleinen gereicht“ geht wohl gar nicht. „Ich hab den Kleinen bloß zum Semmeln holen, weil der Billa-Parkplatz ist so eng“ könnte leicht als Notlüge entlarvt werden („Wo isser denn, der Große?“). „Die Krise fordert von uns allen Opfer“ gleicht in etwa einem blauen Auge. Und „Ich steh auf klein und wendig“ führt sich durch die bereits zitierten Außenmaße ad absurdum. Da hat es Aston Martin mit dem „Cygnet“ cleverer gemacht. Ihn, einen Toyota iQ mit Aston- Schnauze, bekommst du nur, wenn du schon einen echten Aston daheim hast. Insofern wird der Gebrauchtautohandel demnächst wohl zum Schwarzmarkt in Sachen Imagetransfer.

Unsereins kann hier freilich gar nichts falsch machen. Wir leihen uns den Ruhm solcher Autos immer nur für kurze Zeit. Und werden sowieso meist für den Chauffeur gehalten, oder für den Fuhrparkleiter, bei sportlicheren Autos. Das gibt einem die Berechtigung dazu, etwas pingelig zu sein, was die Beschreibung solcher Fahrzeuge betrifft, sich also auf lächerlich hohem Niveau über irgendwas zu mokieren. Ich meine: Was willst du ernsthaft herummäkeln an 570 PS, 780 Newtonmetern und 4,9 Sekunden von Null auf 100?

Da geht es dann schon eher um knarzig schließende Aschenbecher, eine millimeterweise verschobene Ledernaht oder sonst irgendeinen Unsinn, oft gespickt mit schlauen Beisätzen à la „… wenn ich so viel Geld für ein Auto ausgeben würd’ …“ und so weiter. Im Inneren lodert freilich die gleiche Begeisterung wie damals, als Vatern mit dem Spielzeug-Ding daherkam. Für Beschleunigung, Anmutung, Feeling, Prestige, die Sitze, einfach alles. Trotzdem substituiert hier Coolness am besten eine gewisse notorische Flaute im Börsel. Folglich kennt der Mann, der dir zuvor die Schlüssel ausgehändigt hat, auch die knappe Antwort auf die Frage danach, wie es dir gefallen habe, längst auswendig: „Danke, gut!“

DIE FAKTEN: ROLLS ROYCE GHOST
  • Hubraum: 6.592 ccm
  • Leistung: 570 PS
  • Verbrauch: (Drittelmix) 13,6 l / 100 km
  • Drehmoment: 780 Nm
  • Beschleunigung: 0-100 9,7 Sek.
  • Spitze: 250 km/h
  • Pr eis: 303.390 Euro
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Thursday, 17.05.2012, 07:28 Uhr

Autorenprofil Franz J. Sauer

Franz J. Sauer
Der Sauer. Automobilfetischist, Original, Chefredakteur des "Motorradmagazins", Gelegenheitsblogger auf "Zeit im Blog 21".

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