Werbung und Wahrheit
Mama Putz, der Inder und der verkrampfte Herbert - drei Figuren, eine Botschaft: Kauf, wofür wir stehen! Wie sie mit ihrer Werbeprominenz leben und wer sich hinter den Charakteren wirklich verbirgt, lesen Sie hier.

Nair, Nordegg, Kutil - privat
Cécile Nordegg, geht es da anders. Die Schauspielerin und ihr Alter Ego Linda Putz sind so gegensätzlich, dass sie auf der Straße sehr selten auf ihre Rolle angesprochen wird. „Meistens sind es Kinder, die mich erkennen, die haben einen anderen Blick dafür“, erzählt die Künstlerin. Diese Behauptung können wir sofort bestätigen, denn als die Schauspielerin am Schauplatz unseres Fotoshootings eintrifft erkundigt sich der Fotograf gleich bei ihr, ob sie die gebuchte Visagistin sei. Cécile Nordegg fühlt sich geschmeichelt, für sie ist das ein Kompliment, denn eigentlich ist die Werbung nur ein winziger Teil ihrer Arbeit, der sie lediglich ein paar Tage im Jahr beansprucht. Die restliche Zeit verbringt sie als Malerin, Lichtdesignerin, Sängerin und Schauspielerin hauptsächlich in Frankreich, wo das Künstlerleben deutlich einfacher ist: „In Frankreich oder auch in den USA ist es selbstverständlich für einen Schauspieler in der Werbung aufzutreten, ohne gleich abgestempelt zu werden. In Österreich ist das ein bisschen schwierig, da ist man noch ein wenig hinterm Mond.“ Trotz allem macht ihr die Rolle der Mama Putz immer noch Spaß, vor allem auch deshalb weil die TV-Familie über die Jahre zusammengewachsen ist: „Die Drehtage sind immer ein großes Wiedersehen für uns.“
Sie ist sicher nicht die einzige Schauspielerin, der die Werbefigur in punkto Bekanntheitsgrad weit über den Kopf gewachsen ist. Genau das ist den Werbestrategen auch recht, denn für sie wird es problematisch, wenn der umgekehrte Fall eintritt und der Schauspieler bekannter wird als die Werbefigur. Dann kommt es nämlich zum sogenannten Vampir-Effekt und die Zuseher erinnern sich nicht an das Produkt sondern lediglich an den Menschen der es präsentiert. „Die Agenturen geben nicht immer gerne bekannt, wer hinter ihren Werbefiguren steckt. Sie sollen schließlich die personifizierte Marke bleiben“, erklärt Werbeexpertin Roswitha Hasslinger. So ist beispielsweise der Mensch hinter dem Billa Hausverstand der große Unbekannte in der heimischen TV-Werbung. Der Name des Schauspielers wird von allen Seiten strengstens geheim gehalten, bekannt ist einzig und allein dass es sich um einen deutschen Schauspieler handelt. Was in diesem Fall funktioniert, kann, gerade wenn es sich um einen Österreichischen Schauspieler, nicht immer verhindert werden. Der Biobauer von Ja! Natürlich ist in der heimischen Theaterszene sehr wohl bekannt, durfte auf Nachfrage der Redaktion aber keinen Kommentar zu seiner Rolle als Werbegesicht abgeben. Nur so viel sei gesagt: Er verlässt das Haus nur mehr mit Sonnenbrille.
Anders ist das bei John F. Kutil, der als schrulliger Herbert momentan das Werbegesicht von Actimel gibt. Der Schauspieler und Regisseur ist vor allem in der Linzer Theaterlandschaft ein Fixpunkt. Mit seinem Job als Herbert ist er der „Newcomer“ unter den aktuellen Werbefiguren und jetzt schon Kult, wie Agenturchef Marco de Felice bestätigt: „Im letzten Fasching wurden sogar Herbert-Kostüme gesichtet.“ Das Starpotential ist also da und dennoch wird John Kutil auf der Straße (noch) selten erkannt. Kein Wunder, denn privat ist er so ziemlich genau das Gegenteil des biederern Herbert-Typen. Dennoch erzählt er, dass er mit nur zwei Tagen Werbedrehs mehr Popularität erreicht hat, als nach 20 Jahren Arbeit am Theater. Ob das gut oder schlecht ist wagen wir jetzt mal nicht zu beurteilen. In der Welt der Werbung ist einfach das Geld zu Hause, am Theater meistens nicht. So verdienen sich viele Schauspieler ein Zubrot zu ihrem Hauptberuf. „Bei Werbecastings habe ich immer schon mehr Glück gehabt als bei Theaterrollen. Das ist auch stark typabhängig,“ erzählt John Kutil der aktuell auch in einer holländischen Bierwerbung zu sehen ist. In letzter Zeit konzentriert sich der Künstler in seinem Hauptberuf am Theater ohnehin eher auf die Regiearbeit, wofür er im Frühjahr sogar den Bühnenkunstpreis des Landes Oberösterreich erhalten hat.
Egal ob Herbert oder Hausverstand. Werbefiguren wirken auch deshalb weil sie uns auf den Wecker gehen. Geschimpft hat sicherlich schon jeder einmal über den Waschlappen Herbert, den Besserwisser Hausverstand oder die nervtötende Familie Putz. Wahrscheinlich sind sie gerade deshalb so erfolgreich, wie auch XXXLutz Unternehmenssprecher Thomas Saliger bestätigt: „Es geht nicht immer nur darum dem Publikum zu gefallen.“ Der Erfolg einer Werbung misst sich eben nicht daran, ob die Figur als sympathisch wahrgenommen wird, sondern daran, ob sich die Leute daran erinnern. Wahrscheinlich geht den Schauspielern ihr Alter Ego mindestens genauso auf die Nerven wie den Zuschauern.
Nerven die Schauspieler ihre Alter Egos, ist eine Werberolle also ein Fluch oder doch ein Segen? Diese Frage steht am Ende unseres Fotoshootings. Die drei Schauspieler haben sich mittlerweile umgezogen und stehen nun als Inder, Herbert und Linda Putz vor uns. Wie nach einer Verwandlung sehen wir uns plötzlich vollkommen anderen Menschen gegenüber. John Kutil gestikuliert wie der verklemmte Herbert, Ramesh Nair bewegt sich wie der schlaue Inder und Cécile Nordegg mutiert zur lächelnden Mama Putz. Und genau so werden sie uns wohl noch länger in unseren Wohnzimmern heimsuchen. Der 42-jährige Unternehmenssprecher von XXXLutz spekuliert sogar, dass er einmal gemeinsam mit der Werbefamilie in Pension gehen wird. Und auch die Schauspieler selbst haben noch nicht genug vom Leben als Werbefigur, wie John Kutil bestätigt: „Von mir aus darf es den Herbert noch lange geben.“ Und das ist kein Witz, sondern echte Werberealität.
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TESTIMONIALS, also Figuren, die in der Werbung für eine Marke stehen, wirken laut Experten überdurchaschnittlich stark. In der heimischen werbung sticht die Familie Putz hervor, die nach Angaben von Demner, Merlicek & Bergmann einen höheren Bekanntheitsgrad als der Bundespräsident hat. Auch die Figuren von Telering und Actimel verbuchen nach Aussage der Agenturen hohe Impact- und Sympathiewerte.

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