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859 Tage im Dschungel: Der Höllen-Trip

Er ruinierte 9 Paar Schuhe. Er sollte 104 Mal sterben. Und er aß mit Herzenslust Piranhas. Ed Stafford folgte dem gesamten Lauf des Amazonas, zu Fuß legte der Afghanistan-Veteran 6.448 Kilometer zurück. Warum? „Weil ich ein Abenteuer wollte.“

16 Grad südliche Breite, 72 Grad westliche Länge. Die Reise begann am 2. April 2008 in Camaná. Hier entspringt die Quelle des 6.448 Kilometer langen Amazonas. Der Brite Ed Stafford startete an jenem Tag sein Abenteuer, das er zweieinhalb Jahre später im brasilianischen Belém, wo der Amazonas in den Atlantik mündet, beendete. Er ging als erster Mensch den Amazonas entlang – kämpfte sich mit Messern durch den Dschungel, stieg mit seinem 30 Kilogramm schweren Rucksack über Berge und watete durch Nebenflüsse. Sein erster Mitstreiter, Luke Collyer, machte nach drei Monaten schlapp. Wie wahnsinnig muss einer sein, der freiwillig Drogenschmuggler, Guerilla-Kämpfer, Anakondas und Alligatoren in Kauf nimmt? Nicht zu vergessen den brasilianischen Vampirfisch, der so winzig ist, dass er im Amazonas badenden Männern in Arsch und Penis schwimmt, um sich dort mit Blut voll zu saugen.

Um die körperlichen Qualen besser zu verstehen, ein paar Fakten: Er ging zwei Paar Gummistiefel, drei Paar Wanderschuhe, vier Paar Crocs bis auf die Sohlen durch; er verlor bei einer „Diät“ von Bohnen, Reis und Fisch sieben Kilo; ihm wurde 104 Mal angedroht, dass er sterben wird. Auf seine mentale Stärke vom WIENER angesprochen, sagt Stafford: „Ich hätte mich mental besser auf die Reise vorbereiten sollen. Ich habe meine körperlichen Qualen zu sehr meine Begleiter spüren lassen. Es geht um Selbst-Coaching, wenn Dinge schief laufen.“

Zwei Skorpion-Bisse überlebte Stafford. Das Wachsen einer Dasselfliegen-Made, die seine Kopfhaut als geeigneten Nistplatz auserkor, überstand er mit Ekel. Etwas gefährlicher verlief eine Form der Leishmaniose ab. Eine bekannte Form dieser Infektion ist das Schwarze Fieber, das tödlich enden kann. Durch den Stich einer infizierten Sand- oder Schmetterlingsmücke wird der Erreger übertragen. In Staffords Fall musste er sich „nur“ mit einer ekligen Fleischwunde herumschlagen: „Aber nach 20 Selbst-Injektionen mit dem passenden Medikament bin ich die Krankheit bald los geworden“, erklärt er ganz nüchtern. Ein wenig Sorgen bereiteten ihm dafür Piranhas und Zitteraale. Wie der lateinische Name des Zitteraals schon verrät – Electrophorus electricus – verpasst dieser gerne Stromstöße. Aber den Stromstoß in der Höhe von 415 Watt steckte der Abenteurer mit Humor und einem Schmerz in den Gelenken weg. Und die Piranhas hatten wohl eher Angst vor dem ehemaligen Berufssoldaten Stafford, denn dieser aß bis zu 15 am Tag, wurde aber beim Fangen nie von einem gebissen.

Vier Wochen nachdem Luke ihn verlassen hatte, heuerte er den Peruaner Gadiel „Cho“ Sanchez an. Dieser sollte Stafford sicher durch die „Rote Zone“ bei Satipo schaffen. Bis in die 1990er wurde das immergrüne Hügelland von einer peruanischen maoistischen Gruppierung, der Sendero Luminoso, kontrolliert. Angst und Schrecken von damals spürt man auch heute noch in dieser Region, die nur von der Drogenpolizei überflogen werden darf. Cho geleitete den Abenteurer nicht nur sicher durch Satipo, er wich ihm bis zum Ziel nicht mehr von der Seite. Schwer zu sagen, ob Stafford ohne einheimischen Kameraden den Trip wirklich zu Ende gebracht hätte. „Die größte Gefahr ging von den Menschen aus. Die peruanischen Amazonas-Bewohner sind ärmer als die brasilianischen. Ihre Bildung ist schlecht und sie wurden alle jahrelang terrorisiert. In Peru gibt es den Mythos der ‚pela cara‘. Viele Dorfgemeinschaften dachten, wir würden ihre Babys oder ihre Organe stehlen. Wir wurden mehrmals mit Schusswaffen und Pfeilen bedroht.“ Auch wenn sich der 34-Jährige nicht mental auf sein Abenteuer vorbereitet hatte, so war er körperlich mehr als topfit. Als „Captain“ der britischen Armee diente Stafford in Afghanistan. Außerdem arbeitete er sieben Jahre lang bei „Trekforce“ als Expeditionsleiter für Individual-Urlauber, die ein bisschen mehr als Surfen und Angeln erleben wollen. Aber warum tut er sich das an? „Dass ich als erster Mensch dem Amazonas gefolgt bin, ist keine Öko-Krieger-Kampagne gegen die Abholzung des Regenwaldes oder Aktionismus für die Rechte indigener Völker. Ich wollte ein Abenteuer, das die Menschen auf den Amazonas aufmerksam macht.“

1 Grad südliche Breite, 48 Grad westliche Länge. Die Reise endete nach 859 Tagen am 9. August 2010 um 12.52 Uhr am Marudastrand im brasilianischen Belém. „Ich war in meinem Leben noch nie so müde, wie nach diesen 859 Tagen. Die Tatsache, dass jeder von der Unmöglichkeit unserer Expedition gesprochen hatte, trieb uns an. Cho und ich hatten nie zuvor so relaxte Abende als jene mitten im Dschungel neben unserem Lagerfeuer. Der Amazonas ist für uns kein Furcht einflößender Ort mehr. Es ist wunderschön. Wir haben uns in den Amazonas verliebt.“ Für Cho versucht er ein Visum nach Großbritannien zu bekommen. Eine Freundschaft, die im Amazonas-Dschungel nicht zerbricht, meistert auch die Tücken des Großstadt-Dschungels. Woran denkt man 859 Tage lang im Dschungel? Manche Menschen überdenken in Ausnahmesituationen ihr Leben neu. Angesteckt von den vielen schönen Erlebnissen drehten sich Staffords Gedanken vor dem Einschlafen um dasselbe Thema: „Ich bin ein Träumer und habe mir jeden Abend meine nächsten Expeditionen in der Zukunft ausgemalt.“ Auf Nachfrage vom WIENER, wohin die nächste Reise gehen wird, antwortet Stafford ausweichend. „Alles, was ich sagen kann: Es wird wieder etwas sein, das zuvor noch kein Mensch gemacht hat. Ich werde schon 2011 mit der neuen Expedition starten.“ Aber vorher veröffentlicht er noch ein Buch über sein Abenteuer am Amazonas.

  • Amazonas: Mit 6.448 km der zweitlängste Fluss der Welt.
  • 40.000 Pflanzenarten wachsen im Regenwald-Gebiet.
  • 2,7 Millionen Ureinwohner leben am Amazonas.
  • Zum Amazonas gehören auch Wüsten, Sümpfe und Grasland.
  • 100.000 Dollar kostete der Trip, inklusive Versicherung.
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Thursday, 17.05.2012, 07:02 Uhr

Autorenprofil Anita Kattinger

Anita Kattinger
Die 28-jährige Publizistik-Absolventin begann ihre journalistische Laufbahn bei der Zeitschrift der Gewerkschaftsjugend und war mehrere Jahre als Innenpolitik-Redakteurin bei der Tageszeitung ÖSTERREICH tätig.

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