Plädoyer für den Müßiggang
Die Ruhe in den Zeiten des Internet – sie ist dahin. Doch jetzt scheint es, als stünden wir vor einer Wende: Wird das Leben offline zum absoluten, endgültigen Luxus? Ein Gespräch mit Schriftsteller Alfred Komarek über seine „Anstiftung zum Innehalten“.

Komarek, der Donaldist (Foto: Marco Rossi)
Alfred Komareks aktuelle Handy-Abrechnung wies einen Betrag von 36 Cent aus: „Meine Nummer haben nur zwei Menschen – mein Bruder und eine Freundin, die mich seit 40 Jahren als Grafikerin begleitet“, sagt der Schriftsteller. Das heißt allerdings nicht, dass er Mobiles verteufelt, nein, denn um sich im Müßiggang zu üben, reiche es nicht, das Handy abzudrehen, sagt er, entscheidend sei ein anderer, ein bewussterer Umgang. Tatsächlich leitet die fehlende Ruhe in den Zeiten des Internet nicht nur Komareks Verhalten. Der Verzicht auf ein Leben online wird in einer durch und durch digitalen Welt zum absoluten, zum endgültigen Luxus. In seiner „Anstiftung zum Innehalten“ zitiert Komarek seinen Kollegen Helmut A. Gansterer so: „Anspruchsvoll und schöpferisch zu leben ist vielleicht das einzige Mittel, mit dem Phänomen ZEIT zu Rande zu kommen.“ Indiz dafür sind zumindest zwei Bücher, deren Autoren, Internet-Junkies, wie sie sich selbst nennen, den freiwilligen Entzug übten. Marc Röhling zog für „Ich bin dann mal offline“ eine Woche den Stecker; Alex Rühle, Feuilleton-Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung „überlebte ein halbes Jahr ohne Internet und E-Mail“ (Ohne Netz, Klett-Cotta). Und der „Spiegel“ widmete dem Phänomen eine Titelgeschichte (Ich bin dann mal off, 19. Juli). Autorin Susanne Beyer zitierte Dichter, Philosophen und Naturforscher – doch wie die „Kunst des Müßiggangs“ erlernt werden kann und wie sie gepflegt werden muss, beantwortete sie nicht. Alfred Komarek tut’s im WIENER-Interview.
Warum fällt es uns so schwer, nichts zu tun?
Weil man dann ins Nichts fällt. Man wird auf sich selber zurückgeworfen und steht dann mehr oder weniger erschrocken vor einer gewissen Leere. Die ist nicht so schlimm und würde sich schon füllen. Aber erstmal ist nichts da, weil man daran gewöhnt ist, dass man unterhalten wird.
Was tun Sie, wenn Sie nichts tun?
Da bin ich zuerst schon auch ratlos. Wenn ich zum Beispiel ins Weinviertel in mein Presshaus fahre und unter dem Nussbaum Platz nehme, dann weiß ich im ersten Moment nicht, wohin mit mir. Irgendwann rollt es doch schön langsam aus und ich fange an, Zeit zu verschwenden und Dinge einfach kommen zu lassen. Ein Weinbauer hat das einmal sehr schön gesagt. Ich habe ihn gefragt, was er macht, wenn er stundenlang allein in seinem Keller sitzt. Da hat er gesagt: „Ich gebe meinen Gedanken Audienz“.
Im Klappentext des Buches heißt es: So einfach ist das nicht mit dem Innehalten. Jene, die viel Zeit dafür hätten, wollen nicht. Und jene die wollen, finden keine Zeit dafür oder nur selten. Woran liegt das denn?
Das liegt daran, dass sich viele Menschen – ich inbegriffen – treiben lassen. Und witzigerweise: diejenigen, die treiben, die haben Zeit. Ich habe inzwischen einige Führungskräfte kennen gelernt, die vor leeren Schreibtischen sitzen und ihre fünf, sechs Termine am Tag genüsslich abwickeln – die haben aber eine breite Basis an nützlichen Idioten. Die rennen wie die Irren …
Warum stehen wir ständig unter Strom, warum haben wir es denn so eilig?
Ich glaube, das ist ein Überbleisel. Das haben wir uns angewöhnt. Es war in den 50er-Jahren überhaupt nicht lustig, Muße zu haben. Weil da hat Muße haben bedeutet, kein Geld zu haben, arbeitslos zu sein. Da war es ungeheuer attraktiv, Stress zu haben. Und die Managerkrankheit war ein Statussymbol.
Sie schreiben auch: Fernsehen ist plakativ, Radio ist kontemplativ. Was wäre denn, wenn man das so fortsetzen würde, dann das Internet dazu?
Alles miteinander, interessanterweise. Das Internet fasziniert mich schon ungeheuer. Weil man kann das Internet als das Überdrüber- Fernsehen plus Radio plus Kommunikationsmedium plus Informationsmedium sehen, das einfach alles sofort auf einmal erfüllt. Man kann das Internet aber auch als ungeheure Möglichkeit sehen, sich die Rosinen aus dem Kuchen zu picken und es genüsslich zu verwenden und selektiv. Eine im Grunde genommen watscheneinfache Geschichte zieht sich durch das ganze Buch: Sich nicht von Beliebigkeit erschlagen zu lassen, sondern selektiv zu leben.
Sie haben auch geschrieben: Das Telefon ist eine Erfindung des Teufels. Was ist dann das Mobiltelefon?
Der Satz hat für einen bestimmten Moment gegolten. Es gibt natürlich Augenblicke, wo das Telefon eine himmlische Erfindung ist oder was sehr Tröstliches oder sehr Erfreuliches. Genau das Gleiche gilt für das Mobiltelefon. Wenn ich mich von einem Gerät quälen lasse, dann ist es eine Erfindung des Teufels. Und da ist das Mobiltelefon natürlich noch viel raffinierter, weil es mir nachrennt.
Wer oder was sind die schlimmsten Zeitdiebe?
Da würde ich am ehesten sagen: man selbst. Weil man sich einfach davor fürchtet, etwas zu versäumen oder überholt zu werden oder auf der Strecke zu bleiben und zu langsam zu sein und zu spät zu kommen und daher bestraft zu werden. Das wird dann irgendwann pandemisch. Irgendwann sind alle so und jeder rennt und keiner hat Zeit und keiner traut sich zu sagen, dass ihm fad ist und dass er sogar das genießt. Denn dann wäre er ja ein parasitäres Mitglied der Gesellschaft.
Gehen Sie mit der Zeit oder die Zeit mit Ihnen – wie Sie das auf Seite 148 geschrieben haben?
Manchmal bin ich schon so präpotent, dass ich sage, die Zeit soll mit mir gehen. Andererseits gehe ich sehr wohl mit der Zeit, da ich ein unglaublich neugieriger Mensch bin und auch ein verspielter, mitspielender. Das heißt, wenn etwas Neues passiert, dann möchte ich es wissen und dann möchte ich es ausprobieren. Jetzt habe ich übrigens einen Schritt von unglaublicher innerer Reife getan: Ich kaufe mir keinen iPad.
Das wäre die nächste Frage gewesen…
Das ist wirklich ein wildes Stück und unglaublich sexy. Und dann habe ich nachgerechnet, was ich alles damit tun kann und bin drauf gekommen – wenig. Und der Lustgewinn als Spielzeug ist mir zu teuer erkauft.
Leisten Sie sich als Schriftsteller manchmal auch den Luxus – wenn nichts weitergeht –, dass Sie ins Kaffeehaus gehen und völlig abschalten?
Wenn ich nicht ein Buch- Manuskript in Arbeit habe – durchaus. Ich gehe einfach drauf los, irgendwohin, oft Stunden lang. Oder ich setze mich ins Auto und mäandriere. Ich habe so einen trüffelschweinartigen Charakter. Das heißt, ich erforsche unbekannte Gegenden und versuche, irgendetwas zu finden.
Was bedeutet denn Muße?
Nicht tun zu müssen, aber etwas tun zu können. Ganz einfach eine unpathetische Art von Freiheit, Selbstbestimmtheit. Das heißt überhaupt nicht, dass man herumsitzt und nichts weiter bringt oder dass einem fad ist, sondern kreatives Innehalten nicht minder als angestrengtes Tun – aber etwas, was viel Freude macht.
Warum wird Muße oder Müßiggang gerade jetzt zum Thema?
Weil das Pendel ziemlich am Ende des Pendelschwunges ist. Schneller, lauter, greller geht es bald nimmer. Das Pendel ist oben. Und jetzt ist die Sehnsucht da, dass man einmal nachlassen sollte. Die Gefahr, die jetzt besteht, ist, dass irgendwelche Innerlichkeitspropheten auftauchen oder Langsamkeitspropheten oder sonstiges Gesindel.
Sie schreiben auch, Sie werden sich der Faulheit hingeben und nur noch so viel arbeiten, wie für Ihr Auskommen unbedingt notwendig ist. Was werden Sie denn alles nicht mehr tun?
Konkret kann ich sagen, dass ich keine Romane mehr schreiben werde. Weil es eine irrsinnige Schinderei ist, die auch nicht gesund ist. Der Blutdruck ist oben, der Magen ist kaputt und ich brauche drei Monate, bis ich wieder einigermaßen bei Verstand bin.
ALFRED KOMAREKGeboren 1945 in Bad Aussee, ist Schriftsteller und Autor zahlreicher Hörfunk-Sendungen, TV-Drehbücher (zuletzt für die ORF-Reihe „Universum“) sowie von Sachbüchern und Belletristik, u.a. wurden vier Polt-Romane (mit Erwin Steinhauer in der Titelrolle) von ORF und ARTE für das Fernsehen verfilmt.
Alfred Komarek lebt in Wien und Bad Aussee, außerdem besitzt er im Weinviertel ein altes Presshaus, inklusive Schlafsack unterm Dach. „Anstiftung zum Innehalten“ ist im Styria Verlag erschienen. Es kostet 19,95 Euro.








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