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Der Social-Fall

„Du kommst nicht auf 500 Mio. Freunde, wenn du dir auf dem Weg dorthin nicht einige Feinde machst“ lautet die Tagline zum Facebook-Film. Wer aber sind diese Freunde, wer die Feinde? Und letztlich: Wer ist eigentlich dieser Mark Zuckerberg? WIENER-Gastautorin Lena Doppel auf der Suche nach einer Antwort.

Juni 2010, dreißig Meilen südlich von Los Angeles. Mark Zuckerberg, Facebook-Erfinder, betritt die Bühne der D8, der „All Things Digital“-Konferenz. Das Thema der Session: Wie steht’s um den Datenschutz bei Facebook? Erst kürzlich war das größte soziale Netzwerk der Welt wieder in den Schlagzeilen: Facebook hatte durch eine globale Änderung in den Sicherheitseinstellungen eine Menge an ursprünglich als „privat“ eingestellten Informationen öffentlich verfügbar gemacht. „Das Zeitalter des Privaten“ sei vorbei, hatte Zuckerberg großmaulig die Aktion kommentiert. Facebook würde mit den Veränderungen nur die „neuen sozialen Normen“ wiederspiegeln. Dem verhaltenen Jubel von Werbern und Marketingexperten folgte ein medialer Aufschrei der Datenschützer.

Kara Swisher und Walt Mossberg, Kolumnisten des Wall Street Journal und D8-Gründer, möchten dass Zuckerberg dazu Rede und Antwort steht. Der 26-jährigen schlacksigen Milliardär in Jeans und Kaputzenshirt wirkt schon am Gesprächsbeginn nervös und unsicher. Er redet viel und sagt wenig. „Wenn ich wüßte was ich jetzt weiß,“ meint er an einem Punkt, „dann würde ich in der Zeit zurück gehen und meine Fehler ungeschehen machen“. Welche Fehler er genau meint lässt er offen.

Im Verlauf des Interviews beginnt Mark Zuckerberg immer schneller zu reden und der Schweiß steht ihm auf der Stirn. Als er nach mehrmaliger Aufforderung durch eine mütterlich besorgte Karen Swisher endlich sein Kaputzenshirt auszieht witzelt die Journalistin: „Ein großer Moment in der Internetgeschichte“. Im Innenfutter der Jacke entdeckt sie ein großflächiges Facebook-Symbol. „Mein Gott! Das ist ja wie bei einer Sekte!“ ruft sie. Das Bild sieht aus wie eine Mixtur aus Marketing-Grafik und Illuminaten-Logo. Zuckerberg lächelt verlegen.

Wenn Mark Zuckerberg sich selbst googelt, sieht er wonach Menschen in Kombination mit seinem Namen am öftesten suchen: „Mark Zuckerberg Vermögen“ steht da und „Mark Zuckerberg Freundin“. Sein Vermögen ist wohl ein wichtiger Bezugswert für andere junge Ehrgeizler aus dem digitalen Dorf südlich von San Francisco. Aber selbst im Millionärsparadies Silicon Valley müsste man sich verdammt anstrengen um mit Zuckerberg in einer Liga spielen zu können: Facebook ist in Privatbesitz, an die vier Milliarden soll Zuckerbergs 24%-Anteil wert sein. Und was die zweite Frage betrifft: Leider, meine Damen, er ist in festen Händen. Die Glückliche heisst Priscilla Chan und programmiert für Facebook. Sie haben sich kennengelernt als er, selbst Harvard-Abbrecher, die damalige Harvad-Studentin ansprach um ihr einen Job bei Facebook anzubieten. Zuckerbergs Schwester Randy ist auch im Unternehmen, sie leitet das Marketing. Facebook, ein Familienbetrieb.

Mark Elliot Zuckerberg ist kein brillianter Redner, aber er ist ein Mann mit einer erfolgreich umgesetzten Vision. Er hat es geschafft ein ursprünglich geschlossenes soziales Netzwerk für Harvard-Absolventen zum erfolgreichsten Unternehmen des Social Web zu machen. Würde Facebook so weiter wachsen wie bisher, dann könnte es bald mehr Zugriffe haben als Google. Auf dem rasanten Weg nach oben hat sich Facebook bisher buchstäblich 500 Millionen Freunde gemacht. So viele Menschen nutzen weltweit das soziale Netz und Farmville zu spielen, Babyfotos auf’s Netz zu stellen, mit Schulkollegen zu flirten, Popgruppen und Markenprodukte zu „liken“ oder einfach nur um mit Bekannten in Kontakt zu bleiben.

Die Biografie des 26-jährigen ist rasch erzählt: Geboren im Orwellschen Jahr 1984, wächst er in einer gutbürgerlichen jüdischen Familie in der Nähe von New York auf. Der bekennende Atheist wagt erste Programmierversuche in der High School, später sammelte er auch Erfahrungen in der Programmierung von Computerspielen und Office-Software. 2004 startet er „theFacebook“ in seinem Studentenzimmer am Harvard-Campus. Mit dabei sind seine Zimmerkollegen Dustin Moskovitz und Chris Hughes. Anfangs ein Netzwerk unter vielen zieht Facebook ab 2007 an der Konkurrenz vorbei indem es Programmierern erlaubt Facebook als Plattform für Programme zu verwenden. Farmvilles Stunde hatte geschlagen. Danach folgten weitere Innovationen und „Anleihen“ bei anderen Netzen, z.B. den Status-Updates von Twitter.

Der vierte Facebook-GründerEduardo Saverin – ist inzwischen ausgeschieden. Die Umstände seines Abgangs sind dubios. Saverin ist eine der möglichen Quellen für Ben Mezrichs „Milliardär per Zufall“ einer Geschichte „über Sex, Geld, Freundschaft und Betrug“.  Das Buch macht Facebooks turbulente Gründungsjahre zum Mittelpunkt eines rasanten und steckenweise hysterisch überdramatisierten Doku-Romans, geradezu geschaffen für eine Verfilmung.

„Du kommst nicht auf 500 Mio. Freunde, wenn du dir auf dem Weg dorthin nicht einige Feinde machst.“, heißt es daher auch in der Vorschau auf den im Herbst startenden Film „The Social Network“. Der von Fightclub-Regisseur David Fincher inszenierte Hollywood-Thriller basiert auf Ben Mezrichs Buch. Die frühen Jahre des sozialen Netzes, damals noch „theFacebook“, schildern Autor und Regisseur als eine Art Rock’n’Hack-Ära. Die Facebook-Gründer werden als brilliante aber vorwiegend hormongesteuerte Nerds dargestellt, deren Hauptantrieb in der Aussicht auf Mädchen, Macht und Moneten zu finden ist. Zuckerberg ist der geniale aber egomanischer Sonderling der zu guter letzt als echter (Film-)Bösewicht auch noch Mitgründer Eduardo Saverin aus dem Unternehmen drängt. Die Wahrheit ist vermutlich ein wenig komplexer.

Aber Zuckerberg hat noch mehr Feinde. Neben frühen Weggefährten die ihn wegen Ideendiebstahl oder Vorenthaltung von versprochenen Gewinnen verklagen ist seine Kreation vor allem den Datenschützern ein Dorn im Auge. Ihrer Meinung nach hat es in Wirklichkeit ohnehin jedes soziale Netz nur auf die privaten Daten seiner Benutzer abgesehen, und wenn schon nicht absichtlich, warnen sie, dann werden schon allein durch Programmierfehler und Hacker immer wieder private Daten dort auftauchen, wo sie es nicht sollen, im öffentlichen Netz. Ein Umstand den der Facebook CEO gar nicht leugnet. Gebetsmühlenhaft beteuert er werden bei Facebook ständig Verbesserungen integrieren um das Netz für seine Benutzer noch sicherer zu machen.

Facebook als digitaler Zombie, Frankensteinsches Datenmonster, das Zuckerberg gerufen hat und das wir nun nicht mehr loswerden? Oder doch Zuckerberg der skrupellose Geschäftemacher, der Migründer über’s Ohr haut, Mitbewerber-Netze hackt und es überhaupt mit der Datensicherheit nicht so genau nimmt? Für die zweitere Version spricht ein kürzlich aufgetauchtes Chatprotokoll aus dem Jahre 2003 in dem Zuckerberg großspurig einem Freund anbietet ihm „alle Informationen über Harvard-Leute die du brauchst“ zu besorgen. Auf die Frage wie er denn zu diesen Informationen komme antwortet der damals 19-jährige „Sie geben sie mir. Ich weiss auch nicht warum. Sie vertrauen mir.“ Nachsatz: „Die Schwachköpfe.“

Aber Zuckerberg hat auch schon erfahren müssen wie seine eigene Medizin schmeckt. „Mit Mark Zuckerberg’s Privatheit ist es jetzt vorbei!“ titelte im Juli das Sillicon Valley Klatschmagazin Valleywag. Ein halbes Jahr zuvor hatte er der Welt über die Medien ausgerichtet, dass das Zeitalter des Öffentlichen angebrochen sei. Das Bedürfnis nach Privatheit sei eben „keine soziale Norm“ mehr. Valleywag ließ den den selbst sehr zurückgezogen lebenden Zuckerberg im Gegenzug von einem Paparazzi verfolgen. Sie fotografierten ihn beim Besuch einer Studenten-Bar, beim Treffen mit seiner Chinesisch-Lehrerin, in seinem unauffälligen Auto und vor seinem unspektakulärem Haus, auf einer Stanford-Veranstaltung in sein iPhone tippend und zu guter letzt in Flip-Flops mit seiner Freundin Chan auf dem Weg zu einer Party mit Freunden. Das Bemerkenswerteste an Zuckerbergs Privatleben ist eigentlich wie wenig bemerkenswert es zu sein scheint.

Lesetipp: Zeit im Blog 21: "Mister Zuckerberg, ich will meine Privatsphäre zurück!"
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Thursday, 17.05.2012, 06:56 Uhr

Autorenprofil Lena Doppel

Lena Doppel
Soft Skills und New Media Trainerin, Beraterin, Digital Coach, Webprojektmanagerin, Webdeveloper mit Drupal und Wordpress, ein wenig PHP, Univ.-Ass., Immer schon Lernende, Social Media Irgendwie-Begeisterte (aber doch), Kein Schirrmacher Fan, Renaissance Person, Girl Geek, Hobbysängerin, Karaokefan. Something...Always!

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