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Apple legt nach und präsentiert sein rundum verbessertes iPhone 4. Wo die Neuerungen drinstecken und ob es sich für Sie lohnt umzusteigen, sagt Ihnen der WIENER.

„Das ist das neue iPhone 4 – unterbrecht mich, wenn ihr das alles schon kennt“, schmunzelte Steve Jobs während der Apple Präsentation im Juni – sofort brachen die Gäste in schallendes Gelächter aus. Es war eine gekonnte Anspielung auf das Drama, das sich in den Wochen vor der Keynote in San Francisco abgespielt hatte. „Es ist eine tolle Geschichte über Diebstahl, Kauf von gestohlenen Waren und Erpressung. Vielleicht ist sogar ein wenig Sex dabei – man sollte einen Film daraus machen!“, sinnierte er sarkastisch. Die Rede war vom ominösen Prototypen, der schon Wochen vor der Präsentation einem Apple-Mitarbeiter in einer Bar abhanden und sodann zu ungewollter Publizität gekommen war.

Der genaue Verlauf der Geschichte ist mysteriös und wird gerade vom Staatsanwalt ermittelt. Das Tech-Blog Gizmodo feierte mit der ungewollten Enthüllung den journalistischen Coup des Jahres. Apple, das seine neuen Produkte stets mit aller Macht und paranoidem Ehrgeiz unter Verschluss hält, wurde zur Lachnummer.

Brisant waren aber die Enthüllungen vor allem deshalb, weil das iPhone 4 nicht nur ein Upgrade seines Vorgängers darstellt, sondern den größten Schritt vorwärts seit dem Original aus dem Jahr 2007. Das völlig überarbeitete Design ist kleiner, kompakter, Vorder- und Hinterseite bestehen zur Gänze aus Glas, umrandet von einem Stahlrahmen. Auffällig ist auch die neue hochauflösende Kamera auf der Rückseite – inklusive LED Blitz. Auf der Vorderseite glänzt ein lange erwartetes Feature – eine Kamera, die Videochats erlaubt. Ebenfalls heftig geforderte Funktionen wie echtes Multitasking, Tools zu Organisation von Apps oder eine Unified Inbox im Mailprogramm wurden ebenso nachgereicht (Details siehe rechts). Möglich gemacht wird der große Sprung nach vorne vor allem durch neue Technologien, mit denen Apple wieder eine Nasenlänge vor der Konkurrenz liegt und für die eigene Zukunft vorbaut. Der neue A4 Prozessor ist schnell, flexibel und treibt damit das neue iOS 4 zu Höchstleistungen – ganz nebenbei konnte die Batterielaufzeit sogar noch erhöht werden. Damit reagierte Apple auf massive Kritik seiner Kunden und besserte nach.

Schönheitsfehler sind jedoch auch im neuen Gerät zu finden. Nach dem Verkaufsstart in den USA beklagten sich die ersten Käufer umgehend über den schlechten Signalempfang und fanden rasch eine mögliche Ursache dafür. Das Antennensystem läuft über den Stahlrahmen an der Außenseite. Wird das Telefon in der Hand gehalten, sollen Schweiß und Hautkontakt für einen kurzfristigen Abfall des Signals sorgen. Apple hat das Problem nun offiziell anerkannt, allerdings als nicht besonders dramatisch qualifiziert: der Empfang sei tadellos – nur dessen Balken-Darstellung im Handy-Displays zeige zu wenig an. Das Problem soll mit einem Softwareupdate behoben werden. Unabhängige Tester dagegen sind von dieser Argumentation noch nicht restlos überzeugt, die Diskussion dürfte noch länger anhalten.

Der Gesamteindruck des iPhone 4 ist überwiegend positiv. Besitzern der 3G Version kann ein Umstieg nur angeraten werden – sie werden die Verbesserungen massiv spüren. Der Sprung vom 3GS ist zwar etwas kleiner, aber vor allem die Videochatfunktion, die verbesserte Kamera und die gesteigerte Performance lohnen sich allemal.


FEATURES:

  • FACETIME: VIDEOCHAT MIT POTENTIAL

Die Videotelefonie hält Einzug am iPhone. Videochats am Handy gibt es schon lange, jedoch sind dafür Zusatzprogramme nötig, man muss sich auf Servern einloggen und die Übertragung ist teils miserabel. Mit Facetime stellt Apple eine zukunftsweisende Technologie vor, die sie auch anderen Herstellern und Telefonanbietern zur Verfügung stellen – so soll sich Facetime zum Industriestandard mausern. Je mehr Hersteller den Standard adaptieren, desto mehr Teilnehmer können über Anbieter- & Herstellergrenzen hinweg miteinander kommunizieren. Im Moment benötigt Facetime zwar eine WiFi-Internet-Verbindung, so werden allerdings keine Sprachminuten verbraucht und die Qualität ist fantastisch. Durch die Integration in Tablets oder PCs wird jedes Gerät im Internet facetimefähig — Die Mobilfunkanbieter zittern schon.

  • RETINA DISPLAY – QUANTENSPRUNG FÜR DAS AUGE

Das Auge isst mit, so sagt man. Mit dem Retina Display hat Apple wieder einmal die technische Latte höher gelegt. Mit einer größeren Auflösung, mehr Pixel und einer spezielle LED Technik zaubert Apple ein Display aus dem Hut, das beinahe an Printqualität herankommt. Durch das Verschweißen des Displays mit dem Schutz glas darüber, verschwindet der bisherige Hohlraum darunter. Man hat weniger das Gefühl auf ein Display zu schauen, als vielmehr auf ein Hochglanz-Printmagazin. So sind einzelne Pixel mit freiem Auge quasi nicht mehr unterscheidbar. Das Ergebnis ist ein brilliantes und helles Display. Durch die verbesserte Anzeige von Texten ist nun auch das Lesen von eBooks weit weniger anstrengend als bisher – von Videos und Bildern ganz zu schweigen.

  • ECHTES MULTITASKING: BESSER SPÄT ALS NIE

Um einmal mit einer Halbwahrheit aufzuräumen: Multitasking beherscht das iPhone seit der ersten Version anno 2007. Allerdings ließ Apple dies bisher, auf Grund von mieser Performance und hohem Stromverbrauch, nur für die eigenen Apps zu – Programme aus dem Appstore hatten das Nachsehen. Mit der neuen Software iOS4 bekam man nun das Problem in den Griff und es ist nun möglich, gleichzeitig Skype-Anrufe zu empfangen, SMS zu schreiben und Musik via Webstream zu genießen. Ein Doppelklick auf den Homebutton zeigt in einer Leiste alle verfügbaren laufenden Apps an – mühelos kann so gewechselt werden. Sollten zu viele Apps laufen, werden diese inaktiv gesetzt, damit das System nicht an Geschwindigkleit verliert. Funktioniert auch am „alten“ iPhone 3GS.

  • HD-KAMERA & FILMSCHNITT: DAS HANDY ALS FILMSTUDIO

Endlich kommt eine HD-Kamera mit 720p HD-Auflösung, LED-Flash und 5 Megapixel zum Einsatz. Lange war Apple hier der Konkurrenz hinterher und stand in der Kritik. Mit dem neuen iPhone kann Apple sogar in diesem Punkt die Konkurrenz wieder hinter sich lassen. Der spezielle Bildchip ist nicht nur winzig, sondern gleichzeitig auch extrem rauscharm und lichtempfindlich. Dies erhöht die Bildqualität dramatisch und macht es möglich, gestochen scharfe Bilder und Videos in höchster Auflösung zu produzieren. Gegen knapp 5 Euro Aufpreis stellt Apple iMovie für das iPhone zur Verfügung. Damit ist es möglich, komplette Filme direkt auf dem Gerät zu editieren, mit Einblendungen, Übergängen oder Text zu versehen. Das iPhone 4 wird damit zum Filmstudio „on the go“.

  • PERFORMANCE: ALLES NEU UNTER DER HAUBE

Durch die Entwicklung des iPads entstand in den Apple Labors der leistungsfähige A4 Prozessor. Der Einsatz im iPhone 4 bringt diesem nicht nur mehr Power, sondern lässt den Stromverbrauch sinken und schafft Platz im Inneren. Dadurch konnte die Batterie im iPhone weiter vergrößert werden und der Arbeitsspeicher hat sich auf 512 MB verdoppelt. Heraus kommt ein iPhone 4, das seine Vorgänger bei der Performance um Längen schlägt. Mit 300 Stunden Standby Zeit, 40 Stunden Audio- und 10 Stunden Videoplayback wird das Handy zum Dauerläufer und hat genug Leistung für alle neuen Features wie Videochat, Multitasking, Videoschnitt, u.a. Der Einsatz neuester Breitbandtechnologie sorgt überdies für schnellere Up- und Downloads via 3G und WiFi Verbindungen.

  • FOLDERS: ORDNUNG FÜR DAS CHAOS

Genialität liegt oft in den simpelsten Dingen. Ein Folderkonzept für das iPhone, in dem man seine Apps nach Belieben zusammenfassen und gruppieren kann, schafft nun Ordnung am Handy. Was einfach klingt, setzt Apple genial um. Einfach etwas länger auf eine App drücken bis sich der berühmte Jiggle-Effekt einstellt, dann eine App auf eine andere ziehen und das iOS4 erstellt automatisch einen Folder. Dieser wird je nach App-Kategorie sogar automatisch benannt und öffnet sich fortan auf Knopfdruck um die darin liegenden Programme hervorzuzaubern. Kein lästiges Suchen mehr mit hektischem Fingerwischen: Die Anzahl der Homescreens reduziert sich schlagartig auf wenige Seiten. Ein unterschätztes Feature, das nun für alle iPhones – auch ältere Modelle – zur Verfügung steht.

Erschienen im WIENER 348 / August 2010

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Martin Kröß
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