Im Schatten des Apfelbaums (Hausmitteilung, August 2010)
Haben Sie in letzter Zeit das Haus verlassen? Sicher haben Sie das, vermutlich waren Sie im Freibad oder an einem Badesee und irgendwann sind Sie vielleicht im Schatten eines Baumes gesessen und haben – in einen Apfel gebissen. So die Frucht saftig und bekömmlich war, werden sie dabei kaum trübe Gedanken an den Charakter des Obstbauern verschwendet haben. Wessen Produkte konsumiert werden, den finden wir erstmal gut. Punkt.
Apple-Bauer Steve Jobs baut seit 30 Jahren Früchte an, die ihm auf dem Markt aus der Hand gerissen werden. Der Mann steht unbedingt im Verdacht der Gen-Manipulation, wobei noch nicht klar ist, wie er das Überspringen der diversen Prozessorcodes seiner elektronischen Wunderdinger auf die menschliche DNA hingekriegt hat. Unbestreitbar sind die Folgen: Apple-Jünger, nennen wir sie „iUser“, zeigen auf Dauer eine signifikante Veränderung ihrer Persönlichkeit. Verlust sozialer Kompetenz bis hin zur völligen Kontaktverweigerung gegenüber Kunden anderer IT-Hersteller; Affektstörungen und Kontrollverlust (z.B. explosiver Zorn verbunden mit erhöhter Gewaltbereitschaft, sobald keine Strom-Steckdose in der Nähe ist und das Energie fressende Apfel-Gadget zur Unzeit ins Koma zu fallen droht); auch Phobien (etwa die nagende Angst, von der Vorbestellungsliste für das neue iPhones gestrichen zu werden). Gesund ist das alles nicht. Aber man nimmt es in Kauf – und findet es auch noch cool. Das kann nur mit Magie zu tun haben.
Keine Frage: Was Steve Jobs, Herrscher über das mittlerweile wertvollste Technologieunternehmen der Welt tut oder nicht tut, was er sagt oder verschweigt, wen er fördert oder boykottiert, ist von globaler gesellschaftlicher Wirkung. Ja, er zählt zu den mächtigsten Männern der Welt, wie auch die Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page und, nehmen wir ihn ruhig dazu, Facebook-Milchgesicht Mark Zuckerberg; und wenn man sich diese Galerie vor Augen hält, ist es doch beruhigend, dass immerhin bedeutende Atomwaffenarsenale dieser Welt noch unter demokratisch legitimierter Kontrolle stehen und nicht in einer Garage in Silicon Valley.
Für uns war soviel Einfluss Anlass genug, Steve Jobs auch als Persönlichkeit unter die Lupe zu nehmen. Was WIENER-Autor Rainer Himmelfreundpointner dabei zutage förderte, war nicht nur Glanz und Glamour – seine Nahaufnahme des Apple-Gründers legt auch ein paar gewaltige Hässlichkeiten offen.
Aber es ist nicht alles schlecht. Unbestritten ist, dass Apple zumeist awesome stuff produziert – endgeile Geräte, wie sich mit dem Lexikon der Jugendsprache frei übersetzen ließe. Technologie kann das Unternehmen aus dem kalifornischen Cupertino einfach. Das beweist auch das neue iPhone, das Technik-Redakteur Martin Kroess für Sie auf Herz und Nieren untersucht und in all seinen Features analysiert hat (ab Seite 56)
In der Redaktion hält sich zudem hartnäckig der Verdacht, dass nach dem lausigen Wetter im Mai Apple höchstselbst zur Rettung der diesjährigen Ernte eingegriffen hat. Worauf sollte dieser traumhafte Sommer zurückzuführen sein, wenn nicht auf ein meteorologisches Software-Update, nachdem die Performance bis Juli einfach nicht befriedigend war und sich die Beschwerden aus der Badehosen-Community häuften? Wie auch immer: Genießen Sie Ihren Urlaub, laden Sie Ihren Akku auf – und schalten Sie im Schatten des Apfelbaums mal Ihr Handy aus – ob es nun ein iPhone, HTC, Nokia, Motorola, Sony Erikson, LG oder weiß der Geier ist…
Herzlichst,
Helfried Bauer, Chefredakteur
Editorial, erschienen im WIENER 348 / August 2010


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