WIENER
Netzleben

Digitale Wolken

Web 2.0 war gestern. Die Vorhersage für die Zukunft des Netzes lautet: stark bewölkt. Was Ihnen die Cloud bringt und worauf Sie achtgeben sollten, sagt Ihnen der WIENER. (Text: Martin Kröß / Illustration: Renate Stoica)

Die Marketingexperten dieser Welt können sich auf die Schulter klopfen. Nach längerer Durststrecke haben sie es wieder geschafft. Ein neues Buzzword hat sich gefunden: Die Cloud. Wie schon bei Web 2.0 weiß keiner so genau was es ist, aber man trifft es überall an. Wer etwas auf sich hält, begibt sich nun in höhere Sphären um am Puls der Zeit zu bleiben. Schließlich verspricht man uns, dass die Zukunft in der Wolke liegen soll. Doch was genau hat es mit der Cloud auf sich? Ist sie nur ein weiterer Geniestreich der Technologiebranche um Marketing-Kampagnen zu pushen, Absätze anzukurbeln und Unternehmen aller Größen, Farben und Formen zittern zu lassen, aus Angst, dass sie den Einstieg verpassen könnten?

Der WIENER hat sich schlau gemacht und soviel vorweg: Das Rad wurde mit der Cloud nicht neu erfunden. Wie schon beim Begriff Web 2.0 mangelt es auch bei der Cloud nicht an Definitionen, die sich allesamt erheblich unterscheiden. Klar ist, dass es sich dabei um keine neue Technologie handelt. Vielmehr ist die Cloud ein neues Synonym dafür, wie bereits gängige Technologien miteinander verknüpft werden.

Das Wort selbst hat seinen Ursprung in den Flipchart- und Powerpointpräsentationen der IT-Techniker. Wann immer Datenübertragungen von PCs, Smartphones, Laptops und anderen Geräten in das Internet und vom Internet wieder zurück grafisch dargestellen werden, kommt das Symbol der Wolke zum Einsatz. Es steht stellvertretend für einen virtuellen, nicht greifbaren Ort. Das neue Modewort Cloud umschreibt nicht eine fundamentale Revolution der Technik, sondern ein neues Prinzip der Verwendung. Fungierte das Internet bei der Datenübertragung bislang nur als Leitung und Vermittler zwischen lokalen Rechnern, so wandern die Daten künftig auf Dauer in die Cloud – das Internet wird also zum Super-Speichermedium für alles, was gestern noch mehr oder weniger sicher auf dem Home-PC abgelegt war. In der Cloud, so die Verheißung, sind Daten nicht nur einfach und bequem zu verwalten, sie können auch von jedem Endgerät und jedem Ort der Welt aus abgerufen werden.

Gut veranschaulichen lässt sich dieses Prinzip anhand einer der ältesten Services im Internet – der E-Mail. Früher wurden E-Mails üblicherweise von Rechner zu Rechner übertragen – gespeichert (und gelesen) wurden sie lokal. Wer Zugang zu seinen E-Mails wollte, musste seinen Computer aufdrehen und das eigene E-Mail Programm öffnen. Die Cloud aber speichert alle E-Mails zur Gänze im Internet. Dort warten sie auf unseren Zugrifffacher, ein einfacher Web-Browser (Link bitte nur klicken, wenn Sie hart im Nehmen sind) reicht dafür. Wenn wir sie lesen, müssen ihre Daten keine Sekunde mit der Festplatte unseres PC in Berührung kommen.

E-Mails sind aber nur der Anfang. Dokumente, Bilder, Videos – praktisch alles was wir digital speichern – ziehen von unseren Rechnern in die Cloud um. Damit sind der Mobilität keine Grenzen mehr gesetzt. Ob über das Netbook in der Wartehalle auf dem Flughafen, auf dem Handy in der S-Bahn oder dem PC zu Hause. Unser gesamtes digitales Leben lässt sich permanent und aktuell aus dem Äther fischen. Solange wir einen Zugang zum Netz haben, begleitet uns die Cloud.

Die Vorteile liegen auf der Hand. Lokale Datensicherungen sind nur mehr begrenzt notwendig. Weder der Diebstahl unserer Gadgets, noch Fehlfunktionen unserer Hardware beeinträchtigen die Sicherheit unserer Daten. Umständliche Zusatzprogramme werden in vielen Fällen obsolet, denn ein einfacher Web-Browser ermöglich uns bereits den Zugriff. Wer auf mehreren Computern – im Büro, auf Geschäftsreise oder zu Hause – an Dokumenten arbeitet, hat immer die aktuellste Version in der Cloud parat. Da die Daten bereits im Netz sind, können sie auch problemlos mit anderen geteilt werden. Das umständliche Versenden von Fotos und Videos ist passé – ein Knopfdruck genügt und anderen wird der Zugang gewährt. Auch die Kosten sinken, denn durch die Auslagerung der Daten in die Cloud wird weniger Speicherplatz benötigt und das spart Festplattenkapazität. Für Unternehmen erhöht sich zusätzlich die Flexibilität und erleichert etwa die Telearbeit oder das Arbeiten im Außendienst.

Aber auch die Nachteile der Cloud haben es in sich, denn unsere Daten verlassen zwangsläufig unsere eigene Obhut und müssen anderen Anbietern übergeben werden. Dieser Kontrollverlust behagt nicht jedem. Gerade bei sensiblen Daten kann sich sehr schnell ein Sicherheitsproblem ergeben. Ein weiteres großes Fragezeichen ist auch die Zuverlässigkeit der Cloud. Gestörte Internetverbindungen oder Zusammenbrüche von Servern können dafür sorgen, dass man vom Zugang zu seinen Daten abgeschnitten wird. Selbst große Webservices wie Twitter oder Facebook erleiden immer wieder massive Ausfälle.

Trotz der Schwächen des Systems ist der Trend zur Cloud jedoch enorm und viele User verlagern ihr digitales Hab und Gut ins Netz. Das Angebot dafür steht bereit und wird noch massiv ausgebaut. Analysten schätzen, dass der Markt für Cloud Computing im Jahr 2016 ganze 100 Milliarden Dollar wert sein wird. Einer der großen Vorreiter auf diesem Markt ist natürlich Google mit seinen vielen Cloud Applications. Google Docs etwa bietet Textverarbeitung oder Tabellenkalkulation direkt im Web an. Dabei eignet es sich nicht nur als Alternative zu Microsofts Office, sondern ermöglicht es auch, kollaborativ mit mehreren Nutzern an ein und demselben Dokument gleichzeitig zu arbeiten, Verbesserungen vorzunehmen und zu kommentieren.

Der populäre Cloud E-Maildienst GoogleMail wurde 2007 gestartet und bietet aktuell 7,5 Gigabyte Speicherplatz gratis an. Webmail-Dienste wie Hotmail, GMX oder Yahoo, die das Prinzip schon seit Jahren fahren, sind mit ihren Speicherplatz-Angeboten nachgezogen. Mit AdobePhotoshop Express können Fotos online direkt bearbeitet werden. Über Acrobat lassen sich Texte verfassen, verwalten und in Pdf-Dokumente umwandeln. Mit DropBox hat sich ein System für Datenspeicherung und -verwaltung in der Cloud hervorgetan: Eine automatische Synchronisierung sorgt dafür, dass auf jedem Rechner, von dem aus man zugreift, stets die aktuellste Version der Datei zur Verfügung steht. Via Evernote schaffen sie sich ein virtuelles Gedächtnis in der Cloud: fotografieren, scannen, schreiben und speichern – Evernote merkt sich, was wir gleich wieder vergessen würden. Mit Pandora kann man seine persönlichen Musikdateien und im Internet gestreamte Radiosender aus der Wolke empfangen. Das Pendant im Videobereich kommt von den Anbietern Netflix und Hulu.

Das Rad wurde also nicht neu erfunden, aber die Straße auf der es fährt, modernisiert. Die lokale Datenver- waltung gehört immer mehr der Vergangenheit an. Wir ziehen in die Wolke, sie ermöglich uns in Zukunft alleine mit einer Internetverbindung den Zugriff auf unser gesamtes digitales Leben, von jedem Ort aus und zu jeder Zeit. Die ständige Anbindung an das Web über Laptops, Smartphones und drahtloses Internet macht es möglich. Doch was, wenn sich plötzlich die Wolken verdunkeln, was, wenn der Datenstrom versiegt? Wer hat dann noch die Kontrolle? Wer übernimmt die Verantwortung für unsere Daten, falls das System kollabiert? Wie bekommen wir dann unser digitales Leben zurück? Für ein solches Szenario gibt es bislang keine überzeugende Schönwetterprognose …

Die 4 besten Cloud Applications:
  • Google Docs – Textverarbeitung und Tabellenkalkulation im Web
  • GMail - Online Mailverwaltung leicht gemacht
  • Dropbox - Datensynchronisation leicht gemacht
  • Evernote - Das digitale Gedächtnis in der Cloud
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Userkommentare

1 Kommentar zu diesem Artikel | Kommentar schreiben
  • 4. Juni 2010 von Viktor:

    Finde Cloud’s super. Aber der Gedanke meine Daten Online beinah jedem zugänglich zu machen hält mich davon ab zuviele Daten freizugeben.
    Letztlich, ist es nur ein Anmeldename und ein richtiges Passwort das jemanden Eintritt lässt in alle Daten die ich in der Cloud habe.

    Ich schätze aber, dass Betriebssysteme mehr und mehr in die Richtung tendieren werden und man bald nicht mehr die freie Wahl hat sondern mitmachen muss. Datenschutz dürfte auch dann ein großes Thema sein…

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Tuesday, 21.05.2013, 04:27 Uhr

Autorenprofil Martin Kröß

Martin Kröß
Technikredakteur beim WIENER. Zuständig für Marketing & Grafik bei gleichzeit. Bloggt auf Tumblr

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