WIENER
Accessoires

Uhren gegen die Krise

Trifft man Armbanduhr-Afficionados in der Wiener Innenstadt, werden sie stets in nächster Umgebung der Naglergasse essen wollen. Dann können sie nämlich zuvor oder hernach in der Timelounge vorbeischauen. Ein Lokalaugenschein von Franz J. Sauer.

Foto: courtesy of Timelounge

Foto: courtesy of Timelounge

Was den schmucken Laden im Herzen von Wien von anderen Uhrenläden unterscheidet, ist schnell erklärt. “Wir sind markenunabhängig, kaufen was uns gefällt. Je nach Marktlage, unabhängig von Marketingvorgaben großer Uhrenkonzerne.” Heinz Winterer ist seit Anfang der 1990er Jahre im Uhrengeschäft tätig. Zunächst mit einem kleinen Laden ein paar Ecken weiter, der sich hauptsächlich mit Vintage-Ware beschäftigt hat. Es war damals und ist heute noch seine Leidenschaft, schöne, alte Uhren zu kaufen. Und weil man von irgendwas leben muss: Sie auch wieder zu verkaufen. Ein Konzept, das er im Jahr 2004 verfeinerte und mit der “Timelounge” eben in der Naglergasse (Lageplan) manifestierte. Seither hat Wien in ungefähr fünf Minuten Gehweite vom Stephansdom eine Art Wallfahrtsort für Freunde edler Zeitmesser fürs Handgelenk.

Konkret bedeutet die nämliche Geschäftsidee nichts anderes als das Kaufen und Verkaufen wertiger Armbanduhren. Zum großen Teil gut erhaltener Gebrauchtuhren von Modellen, die meist noch neu erhältlich sind. Auch der Handel mit “Oldtimern” wird gepflegt, “aufgrund der Marktsituation allerdings eher in geringem Ausmaß. Wirklich gute,alte Ware, noch dazu in gutem Zustand, ist eine Seltenheit.” Die Philosophie dahinter hat eine nicht unbedeutende sozioökonomische Komponente. Das in den letzten 15 Jahren immens bedeutend gewordene Afficionado-Wesen, das beispielsweise aus notorischen Heurigengängern Weinkenner oder aus gelegentlichen Arlberg-Rauchern Zigarrenexperten macht, entwickelte ich auch bei Uhrenfreunden weiter. “Viele Menschen entwickeln eine Leidenschaft für Uhren, abseits der bloßen Funktion, die Zeit möglichst genau anzuzeigen. Die Uhr wird als Statement getragen, als Accesoire, als Kleidungsstück, das viel über einen aussagt. und das man gelegentlich gerne austauscht, gegen ein anderes Teil mit Charakter.” Der Geschäftsgang gibt Winterers Ausführungen recht: Stets 500 Modelle von Rolex bis Breitling hat man lagernd, rund fünf Exponate gehen pro Tag (!) über den Ladentisch. Preislich bewegt sich das Gros im Bereich zwischen 5.000 und 20.000 Euro. Ausreißer bis in den sechsstelligen Bereich kamen auch schon vor.

Insofern kommen dem Geschäftsmodell Timelounge sonst durchwegs unangenehme Phänomene wie die aktuelle Wirtschaftskrise übrigens zugute, nicht ganz zufällig lautet der Claim des aktuellen Werbeauftritts “Wahre Werte”. In Heinz Winterers Worten: “Die Leute haben jahrelang in kaum emotionale Dinge wie Aktien investiert – und dabei draufgezahlt. Nun besinnen sie sich wieder auf echte, messbare und unvergängliche Werte – die Uhren nun mal in jedem Fall darstellen. Abgesehen davon, dass es mehr Spaß macht, Uhren zu tragen als Aktien im Tresor zu haben.” Das Ergebnis: 2009 war das bislang beste Jahr der Lounge, forecastmäßig ist man heuer noch besser unterwegs, “Tendenz steigend.”

Foto: Timelounge

Foto: Timelounge

TIMELOUNGE-HISTORY
Wiens Uhren-Hotspot im Profil

Die Dreifaltigkeit der Uhrenliebe. Die Gründung der Timelounge in der Naglergasse datiert im Jahr 2004, damals starteten Heinz Winterer (41) und Erwin Netoliczka (47) den edlen Gebrauchtuhren-Handel. Reinhold Frey (55) stieß als dritter im Bunde 2006 hinzu, seither agiert man zu dritt im Dienste des feinen Zeiteisens. Unter der Geschäftsführung Winterers agiert ein Stab von zehn Personen, die Uhrmacher in der Werkstätte Nibelungengasse inklusive. “Allesamt sind sie Uhrenfreaks, anders schafft man den Job auch nicht”, so Winterer über sein Team. Das es sich nicht nehmen läst, stets auch eine “Dienstuhr” aus dem Angebot probezutragen.

Erschienen im WIENER Nr. 345 / Mai 2010

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Userkommentare

1 Kommentar zu diesem Artikel | Kommentar schreiben
  • 28. Januar 2013 von Alexander Schreiner:

    Super geschrieben. Herr Winterer ist nicht nur ein kompetenter, ehrlicher Geschäftsmann mit wirklich Wissen, sondern zudem ein sehr netter und angenehmer Geschäftsfreund unter Uhrenkennern.
    Weiterhin alles Gute und viel Erfolg mit der Timelounge.

wiener-online.at

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Sunday, 19.05.2013, 19:22 Uhr

Autorenprofil Franz J. Sauer

Franz J. Sauer
Der Sauer. Automobilfetischist, Original, Chefredakteur des "Motorradmagazins", Gelegenheitsblogger auf "Zeit im Blog 21".

» Alle Beiträge von Franz J. Sauer » Private Webseite

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