We proudly present: Jeff Jarvis im WIENER
DISCLAIMER: Schön, wenn man ein Archiv hat. Dieser Text stammt aus unserer Jänner-Ausgabe. Wir haben uns erlaubt, ihn anlässlich der Österreichischen Medientage und Mr. Jarvis' heutigem Vortrag ebendort, noch einmal hervorzukramen. Und siehe da - hat nichts an Aktualität verloren!
Jeff Jarvis (55) ist Journalist aus Leidenschaft und Mitbegründer des einst strahlenden und heute wegen chronischen Leserschwunds dahin schwächelnden US-Magazins „Entertainment weekly“. Also einer, der den Bogen möglicher Medienerfahrung in den letzten Jahrzehnten ein großes Stück weit mitgegangen ist.
Dann kam 9/11, dieser monströse Massenmord wahnsinniger Terroristen. Jeff war ganz nah dran, als das mit Flugzeugen bombardierte, einstürzende World Trade Center tausende Menschen unter sich begrub. Das war sein Trauma, das Ereignis, das alles veränderte.
Er begann zu bloggen,um die grauenhaften Bilder zu verarbeiten und seine Gefühle mit der Welt zu teilen. Es war als vorübergehende Thearpiemaßnahme angelegt – aber vom Bloggen kam er seither nicht mehr los. Sein Netzwerk wuchs. Heute kennt ihn halb Amerika so persönlich, als würde es regelmäßig bei Starbucks mit ihm Café Latte schlürfen. Jeff sog dabei die Ideen und Gedanken anderer auf wie ein Schwamm. Die “Weisheit der vielen” wurde sein Treibstoff, mit ihr erfuhr er den Wandel der Gesellschaft hautnah. Er war von Anfang an tief mit ihm verwoben. So entwickelte er, seit sein Geist erfrischt durch die Blogosphäre schwebt, auch ein Problem mit der Medienbranche. Genauer gesagt: Er erkennt und benennt heute aktuelle Probleme der Medienbranche, und das mit erfrischend scharfem Blick und ohne bremsende Nostalgie.
Aber das ist nur ein Kapitel seines Buches „Was würde Google tun?“, in dem wesentliche seiner Überlegungen jetzt den Sprung zurück in die Welt des Papiers schafften. Denn eigentlich fährt Jeff darin mit allen Schlitten, die ihr Geschäft auf künstlicher Verknappung, Marktkontrolle und Kundenbevormundung aufbauen – das, so die Message, seien alles Bremsen für Kulturentwicklung und Gemeinwohl, die Internet und Social Networks eigentlich längst aus dem Weg geräumt hätten. Es wäre Zeit, endlich Fahrt aufzunehmen.
Stellen wir uns also einmal vor, Google wäre nicht nur eine profitorientierte, verdammt clevere Suchmaschine, sondern das Synonym für neues Denken, Schalten und Walten in allen Lebenslagen. Clever (wie Google) für alle und alles, sozusagen.
Keine Massenmärkte gäbe es dann mehr, stattdessen Massen an Nischen, die punktgenau zu bedienen – nicht zuletzt dank Google – möglich und zugleich einzig mögliche Kunst wäre; Mangelwirtschaft wäre gestern gewesen, sie würde abgelöst von der „quelloffenen, talentierten Economy“, in der es darum geht, Überangebot „elegant zu organisieren“; Kunden hätten die Kontrolle – und würden diese auch nutzen; erfolgreiche Unternehmen würden ihren Kunden vertrauen und stets danach trachten, für diese Nutzen zu stiften – um ihnen dann aus dem Weg gehen. Das geht alles auch mit Geschäftsmodell, wenigstens theoretisch. Aber lesen Sie die Wegbeschreibung ins Paradies besser selbst nach, es lohnt sich unbedingt.
Wir fokussieren hier auf einen weiteren wesentlichen Aspekt von Jarvis’ Ethik: Offenheit und Transparenz, für den Eintritt in ein Netzwerk so wichtig wie die Taufe für die Aufnahme in die katholische Kirche. Nur wer sich zu deklarieren bereit ist, hat die Chance, angenommen (und verlinkt) zu werden – für Tarnen, Täuschen und Verstecken hat die Community wenig Verständnis. Nur ehrliche, authentische Selbstdarstellung kommt gut an.
Jeff Jarvis selbst ist auf diesem Weg der mutigen und aufrichtigen Selbstentblößung weit fortgeschritten. Uns gab er die Genehmigung, einen seiner Blog-Einträge über seine sehr persönlichen Erfahrungen mit einer Prostata-Krebserkrankung in Übersetzung abzudrucken.
Kurz nach seinem Eintritt in die Blogosphäre hat er für Bücher, die auf Blog-Texten basieren, die Bezeichnung „Blooks“ vorgeschlagen, eine Wortschöpfung aus Book und Blog. Daran wollen wir uns anlehnen.
We proudly present: den ersten Blartikel von Mr. Jeff Jarvis in einem österreichischen Magazin
[Anmerkung: Ja, wir hätten die Print-Referenzen für die Online-Version ändern können; sind aber stolz & glücklichlich, Jeff Jarvis gedruckt zu haben, weshalb sie diesmal einfach dringeblieben sind.]
The Penis Post
von Jeff Jarvis (Das Original findet sich hier)
Sie werden das vielleicht nicht lesen wollen. Es ist quasi die Definition von TMI. Aber im Interesse, die Geschichte weiterzuerzählen, die fortgesetzte Saga meines Prostatakrebses – und wie ich hoffe zum Nutzen derer, die nach mir kommen – wird es Zeit, über meinen Penis zu schreiben. Insbesondere darüber, was er nicht tut.
Inkontinenz und Impotenz sind zwei furchteinflößende Wörter für einen erwachsenen Mann, aber es sind die Nebenwirkungen, wenn man die Prostata entfernt – in einem Aufwasch mit ihrem Krebs. Es ist den Preis wert. Zumindest ist das die Rechnung, die man(n) im Vorfeld anstellt: Krebs oder Erektionen? Krebs oder trockene Unterhosen? Da verliert der Krebs.
Ich wusste nicht recht, was von der Inkontinenz zu erwarten war und hatte zuvor keine klaren Beschreibungen gehört (vielleicht, weil ich Angst hatte, sie zu hören).
Mir graute vor Pfützen am Boden. Aber so läuft das (sic!) nicht. Es ist mehr eine Sache von Tröpfelchen und Tropfen. Ich wünschte, ich würde die physischen Erklärungen für all die Vorgänge verstehen – das Endresultat ist jedenfalls: Manchmal, wenn du es erwartest (im Stehen, beim Husten, beim Heben) und manchmal, wenn du es nicht erwartest (das ist der schwierige Teil), spürst du, wie sich an einer Stelle etwas rührt, wo es nicht sollte. Tropf. Beim nächsten Mal, hoffst du inständig, wirst du daran denken, deine Muskeln vorher anzuspannen.
Als ich nach meiner Prostatektomie die Arztordination verließ, wurde ich mit einer gigantischen, cartoon-esken Windel und einer saugfähigen Einlage ausgestattet, was meine Angst nur noch größer machte. Ich merkte aber bald, dass soviel gar nicht nötig war und habe auf Slipeinlagen abgerüstet. Nach vielen Versuchen und Gott sei Dank keinem Irrtum, fand ich meine Lieblingsmarke. Kaum zu glauben, dass ich inzwischen ein Connaisseur solcher Produkte bin, aber ich empfehle Poise Ultra-Dünn [Anmerkung für’s Finanzamt: Nein, das ist keine bezahlte Werbeeinschaltung]. Ich möchte auch noch anmerken, dass die Nächte kein Problem darstellen: Keine neuzeitliche Bettnässerei im Hause Jarvis.
Es ist also umständlich und verwirrend, aber mit jedem weiteren Schritt sehe ich, dass ich hier mehr Glück hatte, als angenommen.
Was den anderen Job meines Penis anbelangt, nun, das geht nicht so gut. Die Krankenschwester hat mich vorgewarnt und mir eingeschärft, ich solle mir noch nichts erwarten (die Operation ist jetzt vier Wochen her), also schätze ich, ich brauche nicht deprimiert sein. Aber das ist hart. Weil er genau das nicht ist.
Wir Männer haben eine komplexe Beziehung zu unseren Penissen, na klar. Wir folgen ihnen (darum sind sie ja an der Vorderseite). Sie sagen uns, was wir mögen. Sie haben ihre eigenen Ansichten. Wir schreiben ihnen menschliche Eigenschaften zu, geben ihnen Namen (ich nicht, er ist einfach nur „er“). Meiner schaut aus wie ein ausgemergelter, depressiver, geschrumpfter alter Mann in einem Spitalsbett. Wenn ich ihn so sehe, nun… es ist schwer, sich nicht ebenso zu fühlen.
Die ärztliche Verordnung lautet: Eine Vierteltablette Viagra jede Nacht; augenscheinlich um die Pumpe anzukurbeln. Ich habe auch noch einen Zettel mit Standard-Instruktionen, die vorschlagen, einmal wöchentlich eine ganze blaue Pille zu nehmen und es dann, nun ja, drauf ankommen zu lassen…
Ach die Vorstellung, man wäre ein Teenager und kriegt zu hören, dass Masturbation eine medizinische Notwendigkeit ist! Ärztliche Verordnung! Klingt nach Spaß, ist es aber nicht. Sogar wenn es dann einmal klappen sollte (wie ich hoffe), wird es eigenartig sein. Davor hat mich ein guter Freund gewarnt.
Momentan gibt es Empfindungen, aber es gibt kein Anwachsen. Und wenn – oder falls – die Rakete startet, wird es dennoch keinen Samen geben. (Die Samenblasen wurden mit der Prostata entfernt). Das ist für immer anders.
Was diese Themen anbelangt, erspare ich Ihnen Berichte über den weiteren Verlauf. Wie Sie aus den lahmen Witzen über mein lahmes Ding unschwer schließen können, ist das gerade so viel Offenheit wie ich ertragen kann. Ich habe meine Grenze erreicht.
DIE FAKTEN:
Jeff Jarvis (geb. 1954) ist Amerikanischer Journalist und Autor. Er arbeitet für zahlreiche Publikationen, darunter das von ihm gegründete Magazin „Entertainment Weekly“, und unterrichtet an der City University of New York.
Sein Blog „Buzzmachine“ zählt weltweit zu den einflussreichsten, sein Buch „Was würde Google tun?“ ist ein internationaler Bestseller. Fast 33.000 Leser folgen ihm täglich auf Twitter.
Im August 2009 wurde er mit Prostatakrebs diagnostiziert. Der Vorliegende Text ist seinem Blog entnommen und erscheint im WIENER (Nr. 342) erstmals in deutscher Sprache.



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