Go, Hubsi, go!
Das erste echte Volkstheaterstück "Pension F.", ehemals "Pension Fritzl", läutet zum nächsten Akt. Zeit für ein paar aufmunternde Worte an uns alle.
Hubsi Kramar ist ein subtiler Mann, das liegt an der Atmosphäre seiner Kunst: Er umgibt sich aus Überzeugung mit Schwachen, Zarten, Zerbrechlichen, mit Missbrauchsopfern und anderen Gehandicapten; er lässt sie auf seiner Bühne Schauspieler sein und verleiht damit nicht selten dem Armseligen die Flugkraft und Schönheit eines Schmetterlings.
Das ist groß. Das ist bedeutend. Das zählt zum Besten, was Theater zurzeit leisten kann. Sein Stück “Pension F.”, ehemals “Pension Fritzl”, steht auf Augenhöhe daneben und es steht für Avantgarde im besten Sinne; für Theater von übermorgen, dessen erste Aufgabe es ist, auf Unverständnis zu stoßen. Das ist gründlich gelungen. Offenbar war es der Kritik zu subtil.
Zur Erinnerung: Kramar, offensichtlich betroffen von der Amstettener Kellertragödie und angewidert von dem, was Medien daraus machten, stand, da er dieses Theater realiter kaum beenden konnte, auf, um es auf die Bühne zu bringen und zu etwas Neuem zu entwickeln. Daher der Titel – im Grunde nicht mehr und nicht weniger als das Skript für den ersten Akt. Denn es ging um Mediensatire, die sich selbst erzeugte, laufend und endlos, ohne jede Theaterregie; um die theatralische Bloßstellung derer, deren Geschäft das Bloßstellen ist. Was die Medien daraufhin folgsam improvisierten, war entsprechend atemberaubend.
Hubsi Kramar vorzuwerfen, er verhöhne Opfer, wie es reflexhaft aus dem tiefsten journalistischen Gedärm gepresst wurde, ist in etwa so absurd und kreischend perfide wie der vom Theatermacher selbst laut persiflierte Gedanke, das alte Fritzl-Monster und der Medien-Jungstar Natscha Kampusch, selbst dereinst und wohl auch heute noch Monster-Opfer, würden zur Traumhochzeit nach Mariazell pilgern. Deshalb sind auch beide Ideen Teil von Kramars Inszenierung. So weit, so gut. Richtig in Fahrt kam die Aufführung allerdings erst, als sich das Ensemble um die besten Rollen zu raufen begann.
Der Boulevard behielt zunächst die Oberhand: “Krone”-Schreibkraft Michael Jeannée spie Kramar wie auf Stichwort seinen Ekel entgegen, hielt sich aber diszipliniert an die stillschweigende Regieanweisung, das Stück weder anzusehen noch ihm im Vorfeld mit tiefergehender Recherche – etwa dem Lesen von Presseaussendungen oder gar telefonischer Nachfragen zum Gegenstand – die Spannung zu nehmen. Für seine unerreicht intelligenzfreie Auseinandersetzung mit dem Sujet gebührt ihm jedenfalls eine Auszeichnung, vielleicht der Oscar in der Kategorie “Selig masturbierende Ignoranz”. Das TV-Interview, das er der ARD dazu gab und das immer, wenn man sich zum Schauspielen mal wieder im Theater trifft, dort auch auf die Bühne geholt wird, mag als seine ultimative Dankesrede gelten, mitten hinein in die Herzen und Hirne seiner Leser.
“Heute”, die kleine Gratisschwester der “Krone”, zog wacker mit und steuerte Stimmen bei, die im Chor mit FPÖ-Unkultursprecher Gerald Ebinger nach Subventionsstreichung und Theaterschließung schrien. So laut, dass sich der Mob mobilisierte, Plakate von den Theaterwänden riss und das Schloss an der Eingangstür mit Superkleber verriegelte. Wann, bitte, hat es das zuletzt gegeben wegen einer “Sauerei” von “Fäkalkünstlern” und “Perverslingen”, wie in der Online-Castingshow “Austrias next Fritzl-Monster”, also auf den Webseiten des Boulevards, von den größten Talenten gepostet wurde, die – kein Zweifel – dem Herrn Kramar, diesem “Irren”, am liebsten eine Zahnbürste zur Reinigung seines Theaterhofes beigestellt hätten? Zum besseren Verständnis: Noch immer gab es nur ein Nichts – keine Rollen, keine Handlung, keinen Faden -, denn gerade dieses Nichts und sein unwiderstehlicher Sog auf Druckerpressen und TV-Kameras waren ja das Stück, irgendwie.
Den vorläufigen Höhepunkt erreichte das Nichts, das bis dahin allerhand unappetitlich Triefendes in sich aufgesogen hatte wie der Bodenschwamm bei der Reinigung eines öffentlichen Pissoirs, aber erst mit seiner Premiere Ende Februar und es erreichte ihn mit dem Auftritt von Teilen des österreichischen Kultur-Feuilletons. Dessen sauertöpfische Halbzeit-Kritik lässt sich bündig zusammenfassen: am Ende oller Käse, unzeitgemäßer Aktionismus, bemüht, aber dilettantisch; eine “erschreckend denkfaule Nummernrevue” und ein “Ärgernis” sei es, wie etwa auf Zeitungspapier zu lesen war, dessen zartes Rosa sonst für Wertvolles in Sanitäreinrichtungen geradesteht. Was war da los? In die bis dahin kraftvolle Farce mengte sich plötzlich ein Schuss Melodram.
Die sogenannte Premiere war schlicht das, was in der Ankündigung mindestens zwischen den Zeilen gestanden hatte: eine Art interne Arbeitssitzung, Journalisten weitgehend unter sich in der Selbsterfahrungsgruppe und beim experimentellen Proben mit Conférencier Hubsi – der Andrang der Medien hatte kaum noch Platz gelassen für zahlendes Theaterpublikum, ein wirklich gelungener Abend also, man hätte auch gemeinsam eine Familienaufstellung versuchen können.
Aber wohin waren den Kollegen die eigene Denkfreude, die Lust am Verstand entschwunden? Da hatten sie nun durch ihr vollständiges Erscheinen großartige Mitarbeit angedeutet – und blieben doch in ihrem Keller hocken, nackt und frierend, das immer knappere Mäntelchen geborgter Meinungsmacht bockig um sich zurrend, zähneklappernd angesichts ihrer wachsenden Bedeutungslosigkeit, die heraufzieht im Medienzeitalter der “Spam produzierenden Renditemaschinen” (Copyright: Hubsi Kramar). Auch oder gerade die Damen und Herren Kulturbeschreiber froren lieber, als dass sie sich ein bisschen Feuer unterm Hintern gemacht hätten.
Keiner würdigte das Gesamtkunstwerk, alle bissen sich an der Premiere, also im Grunde an einer läppischen Szene, die Zähne aus. Dabei hätten die Denkfleißigen jede Gelegenheit gehabt zur erfreulichen Selbstreflexion und zum Theaterverstehen. Nur Mut, meine Damen und Herren, möchte man rufen, lassen Sie sich tiefer hineinfallen in ihre Angst, lassen Sie alles raus – vielleicht finden wir doch noch zurück zu Ihrer alten Rolle der ehrbaren, die redliche Auseinandersetzung suchenden Intellektuellen. Einen richtunggebenden Kompass können wir wenigstens beisteuern. Er findet sich in dem Programmheft, das Sie bekommen, aber nicht gelesen haben. Der Text, der Ihnen eigentlich alles verrät über das erste echte Volkstheater, in dem Sie gelandet sind:
Alle spielen mit, alle spielen sich selbst. Dramatiker als Stückeschreiber haben ausgedient, ihre neue Aufgabe ist es, den Tipping Point zu finden, diesen magischen Moment, in dem eine Entwicklung abbricht oder die Richtung wechselt. Die Stücke verfassen die Volksentführer und Verführten selbst. Alle sind zugleich Produzenten und Konsumenten. Das erste wirkliche Volkstheater stellt überall Projektionsflächen auf. Es ist kuratierte Massenkooperation in Aktion. Es ist Open Source, Web 2.0 und Plug & Play mit theatralischen Mitteln. Es findet außerhalb und innerhalb des physischen Theaters statt. Es ist roh und unfertig, direkt und zart, wild, martialisch mit Lust am Detail. Es verwendet die verschiedensten Medien, Formate und Materialien. Es gibt dem Zufall den ihm gebührenden Stellenwert. Premieren kann man leicht verpassen.
Vertiefendes zu diesem Konzept und den ihm zugrunde liegenden geistigen Positionen findet sich übrigens auf der Website hubsikramar.net. Wir halten es nicht für das Ergebnis von Denkfaulheit, sondern für das plärrend frohsinnige, unbeugsam optimistische, bestgespitzte und aufregendste Theaterexperiment, das es in Wien seit Jahrzehnten gegeben hat.
Die gute Nachricht: Es ist noch nicht zu Ende. Zurzeit läuft der Akt “Monster im Käfig. Was wird jetzt aus St. Pölten?”. Im April sind weitere Termine in Hubsi Kramars “3raum-Anatomietheater” angesetzt. Sie können also jederzeit wieder einsteigen und mitdenken.
Wir jedenfalls werden die Chance nicht verstreichen lassen und gerne wieder vorsprechen bei Theatermacher Kramar. Eine bessere Bühne werden wir kaum finden und was uns auf dem Herzen liegt, ist schnell gesagt: Go, Hubsi, go! Hol uns aus dem Keller. Bei dir ist es geiler.
DIE FAKTEN:Das Stück "Pension F." war der Theater-"Skandal" des Jahres. Es hat keine Handlung im eigentlichen Sinn, sondern folgt einer eigenen Theaterphilosophie: Die Handlung schreibt sich selbst und ständig fort, je nach Umgang der Medien mit dem Inzestfall Amstetten oder dem Bühnengeschehen. In diesem Sinne schreiben Medien und Medienkonsumenten es selbst. Die Aufführungen sind weitgehend Improvisation, jedes Mal anders, immer eine Art Kollage aus Musiknummern, Video-Einblendungen, Gastauftritten und Ähnlichem mehr. Wie Hubsi Kramar schreibt: Premieren kann man leicht verpassen. Link: www.3raum.or.at







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